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Finanzkrise

Institutionelle Gier und moderner Ablaß

Hans Küng hat in seinem Buch „Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht“ angesichts der Finanzkrise und der finanziellen Selbstbedienung ihrer Exponenten von der „institutionellen Gier“ gesprochen. Er legte damit den Finger auf die Wunde einer sich christlich nennenden Gesellschaft. Weit weg scheint diese von den mittelalterlichen Begriffen der Tugenden und Laster zu sein, die als Gegenbild der Mäßigkeit unter anderem den Geiz und die Habsucht kennen. Sind wir denn heute von allen guten Geistern, von allen Tugenden verlassen, oder haben wir sie verlassen? Läßt sich in dieser Situation ein neuer Weg beschreiten?

„Strukturelle Sünde“ und „Ablaß“

Mit der „institutionellen Gier“ hat Hans Küng einen Begriff aufgegriffen, den die indische Umweltschützerin und Trägerin des alternativen Nobelpreises, Vandana Shiva, in einem „Stern-Interview“ bereits 2007 im Hinblick auf das globale Finanzkapital verwendete. Im Grunde war dieser Begriff immer aktuell, wurde jedoch unterschiedlich benannt. So haben die katholischen Befreiungstheologen um Leonardo Boff angesichts der Ausbeutung der Armen in Südamerika seit den 70er Jahren von der „strukturellen Sünde“ gesprochen (1).
– der heutigen Bezeichnung der „institutionellen Gier“ vergleichbar – einen gesellschaftlichen Tatbestand, der das Wissen um ein völlig fehlgeleitetes, ungerechtes Tun ganz verdrängt hat. Weil viele Menschen die Ausbeutung betreiben, ist ihnen das Bewußtsein ihrer Unrechtmäßigkeit abhanden gekommen. Nicht anders verhält es sich mit der „institutionellen Gier“

Die fehlgeleitete Profitgier einer gesellschaftlich anerkannten Gruppe – bis 2008 toleriert von den Medien – hat sich, bildlich gesprochen, einer neuen Form des spätmittelalterlichen Ablaßhandels bedient. „Sündenablaß“ gab und gibt es nur für die kleinen Leute und auch nur gegen Bezahlung -, doch die durch Spekulation erreichte Anhäufung von Reichtum und Macht scheint bereits in sich selbst Ablaßcharakter zu haben. Denn bei relativ geringem Risiko für die moralische und materielle Existenz der eigenen Person kann ja auch „das Vergehen“ gegenüber der Gesellschaft nicht groß sein!

Wenn man sich an den Ablaß zur Zeit Luthers erinnert, so zog damals nicht nur ein gewisser Tetzel mit seinem Geldkasten über Land, diese Einrichtung umfaßte – wie Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ schreibt – einiges mehr: ,,Es hatte sich im Laufe der Zeit eine richtige Börse für Sündenvergebung entwickelt […], und das ganze Geschäft war an große Bankhäuser und Handelsfirmen verpachtet, die mit ganz modernen Mitteln der Reklame und des Kundenfangs arbeiteten: bei einer Verlosung in Bergen op Zoom waren zum Beispiel nebeneinander ,köstliche Preise‘ und Ablässe zu gewinnen. Weiter konnte man die Entwürdigung und Merkantilisierung der Religion nicht treiben, und daß alle diese Usancen mit dem Christentum nichts mehr zu tun hatten, ja dessen offizielle und zynische Verleugnung und Verhöhnung bedeuteten, mußte auch dem einfachsten Kopf in die Augen springen.“

Heutige Rechtfertigungsmechanismen

Da heute das Bewußtsein von „Gut und Böse“ oder gar von Sünde fast ganz verschwunden ist – die Nachfolgewissenschaft der Theologie, die Psychologie, hat kräftig dafür gesorgt (!) -, wird ja eigentlich nicht mehr an Ablaß gedacht. Und doch ist irgendwie das Bedürfnis da, sich verschiedener gesellschaftlich funktionierender Rechtfertigungsmechanismen zu bedienen.

Da geht es einerseits um das, was die Mehrheit und ihre medialen Macher oder Moderatoren denken und tun, andererseits um moderne „Eliten“ mit ihrer Gewinnmaximierung und den zugehörigen finanztechnischen und moralischen Abschreibungsmechanismen, denn selbst der „coolste Typ“ mag vielleicht dann und wann – wenn es nicht mehr ganz so glatt läuft – einen Erdenrest von Gewissen zu verspüren! Es scheint dann nahezu selbstverständlich zu sein, daß hohe ethische Unkosten auch eine entsprechend große moralische Abschreibung bzw. Entlastung – oder auch „Ablaß“ – zur Folge haben müssen.

Natürlich werden diese Rechtfertigungsmechanismen nicht von allen gutgeheißen, und zwangsläufig gibt es bittere Vorwürfe gegen „die da oben“. Die Frage ist nur, ob wir anderen nur deshalb so brav sind, weil es uns aus verschiedenen Gründen verwehrt ist, den Rest der Gesellschaft auszubeuten. Steht dahinter wirklich die Erkenntnis, daß in allem Empfinden, Denken und Tun ein Ausgleich von Geben und Nehmen herrschen muß, oder sind wir alle mehr oder weniger von der „strukturellen Sünde“ erfaßt? Dahinter steht ja nicht nur die mögliche Versuchung, andere Menschen auszubeuten, sondern auch die einseitige Ausrichtung auf materielle Güter.

Das Gesetz von Geben und Nehmen

Abd-ru-shin spricht in der Gralsbotschaft im Zusammenhang mit dem „Geben und Nehmen“ sogar von einem Gesetz: „Im Weltall wirkt ein ewiges Gesetz: daß nur im Geben auch empfangen werden kann, wenn es um Werte geht, die bleibend sind!“ (2)

Hier ist nicht nur von einem ewigen Gesetz die Rede, sondern auch von bleibenden Werten! Wer sich nicht auf solche Werte ausrichten kann, bewegt sich entweder im Teufelskreis „institutioneller Gier“ oder der Klage darüber, wie schlimm die anderen sind! Auch diese durchaus verständliche Empörung hilft letztlich nicht weiter, denn sie ist nur die Kehrseite der Medaille.

Es ist immer das Einfachste und zugleich Schwierigste, mit der Beachtung des Gesetzes vom Geben und Nehmen allein bei sich selbst anzufangen. Wenn man ein einziges Mal erlebt hat, daß „Geben seliger denn Nehmen ist“ – wie es in der Bibel heißt (Apg. 20, 35) – ist ein wichtiger erster Schritt getan, die Netze, die die verbreitete „institutionelle Gier“ über uns geworfen hat, zu durchbrechen.

Literatur:

(1) Siehe: www.salzburg.com
(2) Siehe: Abd-ru-shin, Im Lichte der Wahrheit, Gralsbotschaft, Bd. I, Stuttgart 1990


„Strukturelle Sünde“ und „Ablaß“

Mit der „institutionellen Gier“ hat Hans Küng einen Begriff aufgegriffen, den die indische Umweltschützerin und Trägerin des alternativen Nobelpreises, Vandana Shiva, in einem „Stern-Interview“ bereits 2007 im Hinblick auf das globale Finanzkapital verwendete. Im Grunde war dieser Begriff immer aktuell, wurde jedoch unterschiedlich benannt. So haben die katholischen Befreiungstheologen um Leonardo Boff angesichts der Ausbeutung der Armen in Südamerika seit den 70er Jahren von der „strukturellen Sünde“ gesprochen (1).
– der heutigen Bezeichnung der „institutionellen Gier“ vergleichbar – einen gesellschaftlichen Tatbestand, der das Wissen um ein völlig fehlgeleitetes, ungerechtes Tun ganz verdrängt hat. Weil viele Menschen die Ausbeutung betreiben, ist ihnen das Bewußtsein ihrer Unrechtmäßigkeit abhanden gekommen. Nicht anders verhält es sich mit der „institutionellen Gier“

Die fehlgeleitete Profitgier einer gesellschaftlich anerkannten Gruppe – bis 2008 toleriert von den Medien – hat sich, bildlich gesprochen, einer neuen Form des spätmittelalterlichen Ablaßhandels bedient. „Sündenablaß“ gab und gibt es nur für die kleinen Leute und auch nur gegen Bezahlung -, doch die durch Spekulation erreichte Anhäufung von Reichtum und Macht scheint bereits in sich selbst Ablaßcharakter zu haben. Denn bei relativ geringem Risiko für die moralische und materielle Existenz der eigenen Person kann ja auch „das Vergehen“ gegenüber der Gesellschaft nicht groß sein!

Wenn man sich an den Ablaß zur Zeit Luthers erinnert, so zog damals nicht nur ein gewisser Tetzel mit seinem Geldkasten über Land, diese Einrichtung umfaßte – wie Egon Friedell in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit“ schreibt – einiges mehr: ,,Es hatte sich im Laufe der Zeit eine richtige Börse für Sündenvergebung entwickelt […], und das ganze Geschäft war an große Bankhäuser und Handelsfirmen verpachtet, die mit ganz modernen Mitteln der Reklame und des Kundenfangs arbeiteten: bei einer Verlosung in Bergen op Zoom waren zum Beispiel nebeneinander ,köstliche Preise‘ und Ablässe zu gewinnen. Weiter konnte man die Entwürdigung und Merkantilisierung der Religion nicht treiben, und daß alle diese Usancen mit dem Christentum nichts mehr zu tun hatten, ja dessen offizielle und zynische Verleugnung und Verhöhnung bedeuteten, mußte auch dem einfachsten Kopf in die Augen springen.“

Heutige Rechtfertigungsmechanismen

Da heute das Bewußtsein von „Gut und Böse“ oder gar von Sünde fast ganz verschwunden ist – die Nachfolgewissenschaft der Theologie, die Psychologie, hat kräftig dafür gesorgt (!) -, wird ja eigentlich nicht mehr an Ablaß gedacht. Und doch ist irgendwie das Bedürfnis da, sich verschiedener gesellschaftlich funktionierender Rechtfertigungsmechanismen zu bedienen.

Da geht es einerseits um das, was die Mehrheit und ihre medialen Macher oder Moderatoren denken und tun, andererseits um moderne „Eliten“ mit ihrer Gewinnmaximierung und den zugehörigen finanztechnischen und moralischen Abschreibungsmechanismen, denn selbst der „coolste Typ“ mag vielleicht dann und wann – wenn es nicht mehr ganz so glatt läuft – einen Erdenrest von Gewissen zu verspüren! Es scheint dann nahezu selbstverständlich zu sein, daß hohe ethische Unkosten auch eine entsprechend große moralische Abschreibung bzw. Entlastung – oder auch „Ablaß“ – zur Folge haben müssen.

Natürlich werden diese Rechtfertigungsmechanismen nicht von allen gutgeheißen, und zwangsläufig gibt es bittere Vorwürfe gegen „die da oben“. Die Frage ist nur, ob wir anderen nur deshalb so brav sind, weil es uns aus verschiedenen Gründen verwehrt ist, den Rest der Gesellschaft auszubeuten. Steht dahinter wirklich die Erkenntnis, daß in allem Empfinden, Denken und Tun ein Ausgleich von Geben und Nehmen herrschen muß, oder sind wir alle mehr oder weniger von der „strukturellen Sünde“ erfaßt? Dahinter steht ja nicht nur die mögliche Versuchung, andere Menschen auszubeuten, sondern auch die einseitige Ausrichtung auf materielle Güter.

Das Gesetz von Geben und Nehmen

Abd-ru-shin spricht in der Gralsbotschaft im Zusammenhang mit dem „Geben und Nehmen“ sogar von einem Gesetz: „Im Weltall wirkt ein ewiges Gesetz: daß nur im Geben auch empfangen werden kann, wenn es um Werte geht, die bleibend sind!“ (2)

Hier ist nicht nur von einem ewigen Gesetz die Rede, sondern auch von bleibenden Werten! Wer sich nicht auf solche Werte ausrichten kann, bewegt sich entweder im Teufelskreis „institutioneller Gier“ oder der Klage darüber, wie schlimm die anderen sind! Auch diese durchaus verständliche Empörung hilft letztlich nicht weiter, denn sie ist nur die Kehrseite der Medaille.

Es ist immer das Einfachste und zugleich Schwierigste, mit der Beachtung des Gesetzes vom Geben und Nehmen allein bei sich selbst anzufangen. Wenn man ein einziges Mal erlebt hat, daß „Geben seliger denn Nehmen ist“ – wie es in der Bibel heißt (Apg. 20, 35) – ist ein wichtiger erster Schritt getan, die Netze, die die verbreitete „institutionelle Gier“ über uns geworfen hat, zu durchbrechen.

Literatur:

(1) Siehe: www.salzburg.com
(2) Siehe: Abd-ru-shin, Im Lichte der Wahrheit, Gralsbotschaft, Bd. I, Stuttgart 1990



Autor: Dr. Christian Baur

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