Seelenkrise
Schutz für die Seele
Wie Verletzungen heilen können
Seit längerem schon befasse ich mich mit dem Thema des Schutzes und Schützens. Es begegnet mir wieder und wieder in wechselnden Gesichtern, wandelnden Formen, individuellen Ausprägungen. Zahlreiche seelische Probleme haben damit zu tun. Warum suchen viele Menschen unbewußt einen Ersatz, indem sie meinen, sie schützen sich, wenn sie sich anspannen, ihre Muskeln verpanzern oder sich völlig in sich selbst zurückziehen und alle Türen und Fenster nach außen verschließen? Oder wenn sie etwas immer und immer wieder verdrängen, bis sie ihr eigenes Dilemma, ihre eigenen Schicksalsschläge herbeizwingen?
Warum gelingt es manchmal wie von selbst, sich zu schützen und manchmal gar nicht, wenn man zum Beispiel im Supermarkt oder in der Stadt auf der Straße am liebsten weglaufen möchte, weil so viel Ungutes, das von Menschen ausgeht, viel zu nah herankommt? Fragen über Fragen:
Was gilt es zu schützen? Wie können wir diesen Schutz aufbauen und mit welcher Zielrichtung?
Schutz für unser Innerstes
Unser innerster Wesenskern benötigt für seine Entwicklung Schutz. Oft aber durchbrechen wir diesen natürlichen Schutz – durch Grenzüberschreitungen verschiedenster Art.Beginnen wir mit dem, was wir schützen möchten: unser Innerstes. Oft vergleiche ich dieses Innerste mit einer Schatzkiste. Sie ist gefüllt mit Geschenken, die entdeckt, benutzt und weitergegeben werden wollen. Unser Innerstes stammt aus der geistigen Ebene, die viel höher liegt als die stoffliche Erdenwelt und von viel feinerer Art ist. Von dort gehen wir aus, unbewußt, und tragen in uns die Anlagen (Geschenke), die zum eigentlichen Menschsein führen, wenn wir sie entfalten. Dazu gehören zum Beispiel die Fähigkeiten zu lieben, zu vertrauen, sich frei zu entscheiden, Verantwortung zu übernehmen und einiges mehr. Hier auf der Erde haben wir die Möglichkeit, durch die größeren Reibungen und Widerstände der verschiedenen Arten zu reifen wie ein Samenkorn im Boden. Wir sind also hier, um uns zu entwickeln, um schließlich bewußt und gereift in die Ebene zurückzukehren, von der wir ausgegangen sind.
Je nachdem, wo wir uns gerade aufhalten, benötigt dieses Innerste, unser eigentliches Ich, eine Umhüllung, einen Schutz, eine Art Instrument. Hier auf der Erde ist das unser Körper, der unserem Geist eine Brücke baut zwischen innen und außen und ihm die Möglichkeit gibt, sich zu betätigen. Wenn wir mit dem Tod unseren irdischen Körper abgelegt haben, bleibt nur unser innerster Wesenskern mit seinen Umhüllungen, was als „Seele“ bezeichnet wird. Wenn wir entwickelt zu unserem Ursprung in das geistige Reich zurückkehren, legen wir auch diese feinere Seelenhülle ab und sind Menschengeist in vollster Reife.
Wenden wir uns zunächst einmal dem Körper zu. Wenn wir ihm die notwendige Be-achtung schenken, bildet er einen gesunden Boden für unsere geistige Entwicklung. Zu den Säulen für diesen gesunden Boden gehören eine individuell abgestimmte Ernährung, die auch die für den einzelnen Menschen passende Blutausstrahlung fördert, (1) angemessene und harmonische Bewegung, ein freier, fließender Atem (2) und ein bewußtes „Bewohnen“ des Körpers unter Beachtung seiner natürlichen Rhythmen. (3)
In meiner therapeutischen Arbeit erwähne ich oft, daß der Körper für unser Innerstes wie eine Wohnung ist, die auch bewohnt, das heißt belebt werden möchte. Dieser Vorgang geschieht selbstverständlich von innen nach außen. Je mehr ich „in mir bin“, „bei mir bin“, um so durchstrahlter, das heißt belebter wird der Körper von innen. Auf diese Weise bildet der Körper einen natürlichen Schutz für die Seele.
Womit verletzen wir unseren natürlichen Schutz?
Unser Leben, ja, die ganze Schöpfung, ist durchzogen und getragen von klaren Gesetzmäßigkeiten. Wie wir sie in der Natur erkennen können, so durchdringen sie auch uns Menschen, und zwar auf allen genannten Ebenen: der körperlichen, seelischen und geistigen. Wenn wir uns ihnen anvertrauen, so sind wir auf natürliche Weise geschützt. Allerdings sind uns die Gesetzmäßigkeiten viel zu wenig bekannt und bewußt, daher handeln wir ihnen oft zuwider – und verletzen damit uns selbst. Die Verletzungen treffen uns schmerzhaft über das Körperliche hinaus auch auf der seelischen Ebene und berühren die innersten Empfindungen des Geistigen.
Wir wollen uns nun einmal anschauen, womit und auch wie wir unseren Schutz durchbrechen und die Tür öffnen für Verletzungen. Wohl in erster Linie durch Grenzüberschreitungen verschiedenster Art.
Hierzu möchte ich einige Beispiele aus beratenden und therapeutischen Gesprächen mit Menschen in meiner Praxis anführen.
Erstes Beispiel: Drogen und okkulte Spielereien
Durch Drogen und okkulte Spielereien wird der natürliche Schutz für die Seele leicht zerstört.Eine junge Frau, Mitte zwanzig, kam vor einigen Jahren in meine Praxis, völlig wirr, mit einem entrückten Lächeln im Gesicht, der Drogenkonsum war sofort zu erkennen. In unserem kurzen Gespräch wurden psychotische und schizophrene Züge erkennbar, verbunden mit religiösen und okkulten Wahnvorstellungen. Hinter dem desolaten äußeren Eindruck erkannte ich aber auch im Verborgenen ein zitterndes kleines Mädchen, das sich nach Hilfe sehnte. Da sie sich bis zu diesem Zeitpunkt noch in keinerlei ärztlicher oder therapeutischer Behandlung befand, sagte ich ihr, daß ich in diesem Zustand nicht mit ihr arbeiten könne und daß sie sich als erstes in eine psychiatrische Klinik begeben müsse. Später könne sie sich gerne wieder melden, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß sie frei von Drogen und Alkohol sei.
Nach knapp zwei Jahren meldete sie sich wieder und hatte erstaunlicherweise alle Bedingungen erfüllt, nämlich sich für ein halbes Jahr in eine psychiatrische Behandlung mit Entzug begeben und seitdem weder Drogen noch Alkohol zu sich genommen. Nun befand sie sich in einer Tagesstätte für psychisch Kranke und bekam weiterhin Neuroleptika. Sie machte einen wesentlich besseren Eindruck auf mich, wirkte allerdings noch nicht klar genug, um sie mit meinen therapeutischen Möglichkeiten erreichen zu können. Ich lobte und bestärkte sie jedoch sehr und stellte ihr nach weiterer Stabilisierung gemeinsame therapeutische Gespräche in Aussicht.
Nach einem weiteren dreiviertel Jahr meldete sich ihre Mutter bei mir und bat mich, ihre Tochter als Patientin aufzunehmen. Auch die Tochter äußerte noch immer den Wunsch nach therapeutischen Gesprächen mit mir. Nun waren die Voraussetzungen gegeben: ein gewisses Verantwortungsbewußtsein, die Bereitschaft, an sich zu arbeiten und die große Sehnsucht, seelisch gesund zu werden.
In diesem Fall hatte ein Mensch durch Drogen und okkulte Spielereien den natürlichen Schutzwall des Geistes durchbrochen und durch diese Grenzüberschreitungen Tor und Tür für fremde Einflüsse geöffnet und sich damit geschwächt.
Die Frau hörte noch immer Stimmen, die ihr sagten, was sie zu tun habe. Jetzt galt es, Schritt für Schritt einen gesunden Boden zu bereiten, auf dem sie sicher gehen kann. Und das ist – wie immer und überall – nur möglich unter Berücksichtigung der bereits oben erwähnten Lebensgesetze. Das bedeutete für sie im Konkreten, die Stimmen nicht mehr ernstzunehmen, sondern sich in jeder betreffenden Situation bewußtzumachen: ich entscheide (nicht die fremden Stimmen); was halte ich für richtig und passend?
Wir trafen uns einmal in der Woche. Gleichzeitig befand sie sich noch in psychiatrischer Behandlung und besuchte die Tagesstätte, in der sie auch therapeutisch betreut wurde. Zwischen dem Betreuer und mir bestand ein regelmäßiger Austausch.
Die junge Frau schrieb, von mir als Aufgabe gestellt, an jedem Abend auf, was sie tagsüber erlebt hatte, und wir gingen gemeinsam das Erlebte durch, um es richtig einzuordnen und sie durch entsprechende Fragen meinerseits eigene Entscheidungen finden zu lassen.
Sie kommt auch heute noch zu Gesprächen. Immer wieder geht es darum, das Eigene zu finden, den Einfluß des Fremden zu erkennen und wegzuschicken, es loszulassen, sowie aus der zwanghaften Enge allmählich ein Weiter-Werden auch im Umgang mit ganz alltäglichen Dingen zu entwickeln. Durch Natürlichkeit können sich die Löcher im Schutzwall langsam schließen.
Inzwischen hat sie gute Grundlagen, um gesund zu werden. Man muß sich jedoch bewußtmachen, daß die Gesundung bei diesem Störungsbild Jahre, auch Jahrzehnte dauern kann und nur möglich ist durch ein großes und starkes inneres Wollen.
Seit zwei Jahren geht die junge Frau nun wieder einer Arbeit in ihrem erlernten Beruf nach, die Medikamente konnten auf ein Minimum reduziert werden.
Zweites Beispiel: Abhängig von einem anderen Menschen
Gefahr für den Schutz der Seele: die Abhängigkeit von einem anderen MenschenIn einem meiner Atemkurse fiel mir eine junge Frau auf, damals Anfang dreißig, mit traurigem, zugleich verschlossenem und in sich gekehrtem Gesichtsausdruck. Eines Tages während einer Atemübung brach sie in Tränen aus. Kurze Zeit später meldete sie sich bei mir und bat um einen Einzeltermin. Sie erzählte, daß sie schon seit längerem depressiv sei und Medikamente bekomme. Sie habe an nichts mehr Freude, käme morgens kaum mehr aus dem Bett und könne nur mühsam dem Unterricht folgen, geschweige denn lernen für ihre Ausbildung als Physiotherapeutin. Ihr Zustand habe sich in der letzten Zeit trotz der Medikamente eher verschlechtert. Sie selbst sah nur vage Zusammenhänge zu ihrer Erkrankung. Während der Schilderung ihrer Lebensverhältnisse wurde mir jedoch sehr bald klar, daß ein tiefes Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Mutter bestand, welches sie selbst noch nicht durchschaute.
Ihren Vater hatte sie verloren, als sie zwölf Jahre alt gewesen war. Von diesem Zeitpunkt an hatte sich ihre Mutter immer mehr gehen- und schließlich ganz fallenlassen, sie war schwer abhängig von Medikamenten geworden.
Ihre Tochter, meine Patientin, übernahm schon bald Verantwortung für die häuslichen Verhältnisse und zusehends auch für ihre Mutter. Diese stellte wachsende Forderungen an ihre Tochter, indem sie sie moralisch unter Druck setzte: sie dürfe sie nicht allein lassen, sie müsse sich um sie kümmern und dürfe nicht so egoistisch immer nur an sich selbst denken. Meine Patientin hatte ständig ein schlechtes Gewissen und opferte sich auf. Das führte schließlich so weit, daß sie ihr begonnenes Medizinstudium abbrach und wieder zur Mutter zog, die sie zusätzlich noch zwang, die Beziehung zu einem Mann abzubrechen.
Erst nach Jahren bemerkte sie, daß es der Mutter keineswegs half, wenn sie all ihren Forderungen entsprach, sondern daß diese immer krasser wurden und ihr Zustand sich gleichzeitig verschlechterte. Die Tochter schaffte es nach harten inneren Kämpfen, von zu Hause auszuziehen und die besagte Physiotherapie-Ausbildung zu beginnen. Doch damit hatte sich das Abhängigkeitsverhältnis noch nicht gelöst. Die Mutter übte vehementen „Psychoterror“ aus, indem sie sie mehrmals täglich anrief, ihr Vorwürfe machte und sie zwang, jedes Wochenende nach Hause zu fahren, so daß ihr kaum Zeit zum Lernen und noch viel weniger für sich selbst blieb. Jedesmal, wenn sie von ihrer Mutter zurückkam, ging es ihr noch schlechter, die Depression wurde zum Dauerzustand.
Ich versuchte, ihr deutlich zu machen, daß es für jeden Menschen von Bedeutung sei, sich zu entwickeln, daß jeder einen Platz und eine Aufgabe habe, ja, daß es sogar unsere Verpflichtung dem Schöpfer und auch den Menschen gegenüber sei, die Gaben, die uns geschenkt sind, zu entfalten und für uns und andere hilfreich und fördernd einzusetzen. Sie aber habe einen anderen Menschen so über sich bestimmen lassen, daß sie nicht mehr in der Lage sei, selbst zu empfinden, was ihr eigener Weg sei und welche Entscheidungen sie treffen solle. Zu diesem Machtverhältnis gehören zwei, die eine Person, die die Macht ausübe, und die andere Person, die dies zulasse. Das Innerste der Frau war bedrückt, weil es von Fremdem überlagert wurde und die eigenen Fähigkeiten nicht leben konnte.
Mit dieser Erklärung hatte ich sie berührt, und sie erkannte ihre Abhängigkeit. Doch es brauchte Jahre, bis sie sich einigermaßen daraus befreit hatte. Im Abstand sah sie die Zusammenhänge ganz klar, aber sobald sie bei ihrer Mutter war, verfiel sie wie durch einen Sog wieder der Abhängigkeit und glaubte ihr alles.
Langsam, Schritt für Schritt und unterbrochen von langen Durststrecken, versuchte sie umzusetzen, was sie sich nach unseren Gesprächen vorgenommen hatte. Sie gab ihrer Mutter Regeln; so durfte sie nur noch einmal am Tag anrufen, bei weiteren Anrufen hob sie nicht ab, und sie legte grundsätzlich auf, wenn Vorwürfe kamen.
Für ihre Diplomarbeit bekam sie von mir eine Tagesstruktur, da sie selbst noch nicht in der Lage war, sich eine solche zu schaffen, und sie durfte abends anrufen, um zu schildern, was ihr gelungen war. Das gab ihr Motivation, war aber auch äußerst mühsam und verbunden mit einigen Rückfällen.
Im nächsten Therapieschritt ging es darum, die Szenerie mit ihrer Mutter wie auf einer Bühne zu betrachten und selber nicht mitzuspielen, den Ball des Vorwurfs und der Anschuldigungen nicht aufzufangen, sondern bei der Mutter zu lassen und sich nicht zu rechtfertigen, wenn sie einmal ein Wochenende mit Freunden verbringen wollte.
Schließlich brauchte sie Ermutigung und Unterstützung, den Führerschein zu machen und sich eine Stelle zu suchen. Beides gelang gut. Sie hat große Fähigkeiten in ihrem Beruf, die Menschen mögen sie, sie hat Erfolg, und das bestärkt sie.
Inzwischen versucht sie, in den kleinen alltäglichen Dingen zu spüren, was sie möchte und was sie für passend, stimmig und für sinnvoll hält. Grenzen zu setzen, fällt ihr immer noch nicht ganz leicht, sie bemüht sich jedoch, darin wacher zu sein.
Ihr Prozeß des Loslösens aus der Abhängigkeit ist noch nicht ganz abgeschlossen, wohl aber eine sehr große Strecke schon zurückgelegt.
Freude und Sinnhaftigkeit haben wieder Platz in ihrem Leben.
Drittes Beispiel: Schutz in der Rolle des Kämpfers?
Ein ganz anderer Erfahrungswert ergibt sich aus der therapeutischen Arbeit mit einer etwa vierzigjährigen Patientin. Nach außen sehr burschikos und sicher auftretend, setzt sie sich immer wieder für Gerechtigkeit kämpfend ein, sowohl in ihrer privaten Umgebung als auch am Arbeitsplatz oder politisch – und das alles meistens mit großem Erfolg, da sie eine äußerst gute Menschenkenntnis und auch Mut besitzt sowie in der Lage ist, vieles zu durchschauen. In der körpertherapeutischen Behandlung, die die Worte ja hinter sich läßt und das Spürbare in den Vordergrund stellt, zeigt sich ihr Innerstes erstaunlich zart und sanft, zugleich überaus feinfühlend.
Zunächst war sie darüber gar nicht so erfreut, da sie Zartheit mit Schwäche verband und ablehnte. Es lag auf der Hand, daß manche einschneidenden Erfahrungen, die nicht nur in diesem Erdenleben begründet sein können, sie veranlaßt hatten, ihr Innerstes zu verschließen und sich in eine Rolle zu begeben, die sie vermeintlich schützt, begleitet von dem Wunsch, auch andere zu schützen. Da sie eine große innere Reife besitzt und die Bereitschaft, an sich zu arbeiten, ebenso wie ein starkes Vertrauen, ging sie den Weg ihrer Entwicklung weiter und er-kannte, daß dieser Reifungsprozeß sich nur von innen nach außen vollziehen kann. Eine Schilddrüsenerkrankung kam ihr dabei zu Hilfe.
Im Laufe meiner therapeutischen Erfahrung über viele Jahre hat sich gezeigt, daß Störungen der Schilddrüse sehr häufig mit dem Thema „Schutz“ zu tun haben. Meine Frage an die Patientin lautete also: Wie schützen Sie sich? Das bewegte sie intensiv. Sie erkannte, daß sie sich bisher unbewußt durch ihre Rolle der starken Kämpferin schützen wollte. Ihr Inneres war damit jedoch nicht glücklich, es wurde unruhig. Der Ruf nach mehr Raum zum Leben wurde immer deutlicher und zeigte sich in körperlichen Symptomen.
Zunächst trat eine Phase der Verunsicherung ein, die häufig mit einer großen inneren Veränderung einhergeht. Operation und Bestrahlung warfen sie vehement auf sich selbst zurück. Sie begann auf das zu lauschen, was da in ihr leben wollte, und erkannte allmählich, daß das Zartere, Feinfühlige in ihr tragender wurde, ihr Halt gab.
Ihr Umgang mit Menschen verändert sich langsam, andere, tiefere Begegnungen finden statt, andere Saiten in ihr kommen zum Schwingen, einige Begegnungen werden fließender. Sie setzt sich nicht weniger für andere Menschen ein, im Gegenteil, nur anders als früher, mehr das Innere des anderen ansprechend und dessen Entwicklungsweg unterstützend, dadurch Halt gebend.
Für sich hat sie erfahren, daß der größte Schutz darin liegt, sie selbst zu sein, anstatt eine Rolle zu übernehmen.
Seit längerem schon befasse ich mich mit dem Thema des Schutzes und Schützens. Es begegnet mir wieder und wieder in wechselnden Gesichtern, wandelnden Formen, individuellen Ausprägungen. Zahlreiche seelische Probleme haben damit zu tun. Warum suchen viele Menschen unbewußt einen Ersatz, indem sie meinen, sie schützen sich, wenn sie sich anspannen, ihre Muskeln verpanzern oder sich völlig in sich selbst zurückziehen und alle Türen und Fenster nach außen verschließen? Oder wenn sie etwas immer und immer wieder verdrängen, bis sie ihr eigenes Dilemma, ihre eigenen Schicksalsschläge herbeizwingen?
Warum gelingt es manchmal wie von selbst, sich zu schützen und manchmal gar nicht, wenn man zum Beispiel im Supermarkt oder in der Stadt auf der Straße am liebsten weglaufen möchte, weil so viel Ungutes, das von Menschen ausgeht, viel zu nah herankommt? Fragen über Fragen:
Was gilt es zu schützen? Wie können wir diesen Schutz aufbauen und mit welcher Zielrichtung?
Schutz für unser Innerstes
Unser innerster Wesenskern benötigt für seine Entwicklung Schutz. Oft aber durchbrechen wir diesen natürlichen Schutz – durch Grenzüberschreitungen verschiedenster Art.Beginnen wir mit dem, was wir schützen möchten: unser Innerstes. Oft vergleiche ich dieses Innerste mit einer Schatzkiste. Sie ist gefüllt mit Geschenken, die entdeckt, benutzt und weitergegeben werden wollen. Unser Innerstes stammt aus der geistigen Ebene, die viel höher liegt als die stoffliche Erdenwelt und von viel feinerer Art ist. Von dort gehen wir aus, unbewußt, und tragen in uns die Anlagen (Geschenke), die zum eigentlichen Menschsein führen, wenn wir sie entfalten. Dazu gehören zum Beispiel die Fähigkeiten zu lieben, zu vertrauen, sich frei zu entscheiden, Verantwortung zu übernehmen und einiges mehr. Hier auf der Erde haben wir die Möglichkeit, durch die größeren Reibungen und Widerstände der verschiedenen Arten zu reifen wie ein Samenkorn im Boden. Wir sind also hier, um uns zu entwickeln, um schließlich bewußt und gereift in die Ebene zurückzukehren, von der wir ausgegangen sind.
Je nachdem, wo wir uns gerade aufhalten, benötigt dieses Innerste, unser eigentliches Ich, eine Umhüllung, einen Schutz, eine Art Instrument. Hier auf der Erde ist das unser Körper, der unserem Geist eine Brücke baut zwischen innen und außen und ihm die Möglichkeit gibt, sich zu betätigen. Wenn wir mit dem Tod unseren irdischen Körper abgelegt haben, bleibt nur unser innerster Wesenskern mit seinen Umhüllungen, was als „Seele“ bezeichnet wird. Wenn wir entwickelt zu unserem Ursprung in das geistige Reich zurückkehren, legen wir auch diese feinere Seelenhülle ab und sind Menschengeist in vollster Reife.
Wenden wir uns zunächst einmal dem Körper zu. Wenn wir ihm die notwendige Be-achtung schenken, bildet er einen gesunden Boden für unsere geistige Entwicklung. Zu den Säulen für diesen gesunden Boden gehören eine individuell abgestimmte Ernährung, die auch die für den einzelnen Menschen passende Blutausstrahlung fördert, (1) angemessene und harmonische Bewegung, ein freier, fließender Atem (2) und ein bewußtes „Bewohnen“ des Körpers unter Beachtung seiner natürlichen Rhythmen. (3)
In meiner therapeutischen Arbeit erwähne ich oft, daß der Körper für unser Innerstes wie eine Wohnung ist, die auch bewohnt, das heißt belebt werden möchte. Dieser Vorgang geschieht selbstverständlich von innen nach außen. Je mehr ich „in mir bin“, „bei mir bin“, um so durchstrahlter, das heißt belebter wird der Körper von innen. Auf diese Weise bildet der Körper einen natürlichen Schutz für die Seele.
Womit verletzen wir unseren natürlichen Schutz?
Unser Leben, ja, die ganze Schöpfung, ist durchzogen und getragen von klaren Gesetzmäßigkeiten. Wie wir sie in der Natur erkennen können, so durchdringen sie auch uns Menschen, und zwar auf allen genannten Ebenen: der körperlichen, seelischen und geistigen. Wenn wir uns ihnen anvertrauen, so sind wir auf natürliche Weise geschützt. Allerdings sind uns die Gesetzmäßigkeiten viel zu wenig bekannt und bewußt, daher handeln wir ihnen oft zuwider – und verletzen damit uns selbst. Die Verletzungen treffen uns schmerzhaft über das Körperliche hinaus auch auf der seelischen Ebene und berühren die innersten Empfindungen des Geistigen.
Wir wollen uns nun einmal anschauen, womit und auch wie wir unseren Schutz durchbrechen und die Tür öffnen für Verletzungen. Wohl in erster Linie durch Grenzüberschreitungen verschiedenster Art.
Hierzu möchte ich einige Beispiele aus beratenden und therapeutischen Gesprächen mit Menschen in meiner Praxis anführen.
Erstes Beispiel: Drogen und okkulte Spielereien
Durch Drogen und okkulte Spielereien wird der natürliche Schutz für die Seele leicht zerstört.Eine junge Frau, Mitte zwanzig, kam vor einigen Jahren in meine Praxis, völlig wirr, mit einem entrückten Lächeln im Gesicht, der Drogenkonsum war sofort zu erkennen. In unserem kurzen Gespräch wurden psychotische und schizophrene Züge erkennbar, verbunden mit religiösen und okkulten Wahnvorstellungen. Hinter dem desolaten äußeren Eindruck erkannte ich aber auch im Verborgenen ein zitterndes kleines Mädchen, das sich nach Hilfe sehnte. Da sie sich bis zu diesem Zeitpunkt noch in keinerlei ärztlicher oder therapeutischer Behandlung befand, sagte ich ihr, daß ich in diesem Zustand nicht mit ihr arbeiten könne und daß sie sich als erstes in eine psychiatrische Klinik begeben müsse. Später könne sie sich gerne wieder melden, jedoch nur unter der Voraussetzung, daß sie frei von Drogen und Alkohol sei.
Nach knapp zwei Jahren meldete sie sich wieder und hatte erstaunlicherweise alle Bedingungen erfüllt, nämlich sich für ein halbes Jahr in eine psychiatrische Behandlung mit Entzug begeben und seitdem weder Drogen noch Alkohol zu sich genommen. Nun befand sie sich in einer Tagesstätte für psychisch Kranke und bekam weiterhin Neuroleptika. Sie machte einen wesentlich besseren Eindruck auf mich, wirkte allerdings noch nicht klar genug, um sie mit meinen therapeutischen Möglichkeiten erreichen zu können. Ich lobte und bestärkte sie jedoch sehr und stellte ihr nach weiterer Stabilisierung gemeinsame therapeutische Gespräche in Aussicht.
Nach einem weiteren dreiviertel Jahr meldete sich ihre Mutter bei mir und bat mich, ihre Tochter als Patientin aufzunehmen. Auch die Tochter äußerte noch immer den Wunsch nach therapeutischen Gesprächen mit mir. Nun waren die Voraussetzungen gegeben: ein gewisses Verantwortungsbewußtsein, die Bereitschaft, an sich zu arbeiten und die große Sehnsucht, seelisch gesund zu werden.
In diesem Fall hatte ein Mensch durch Drogen und okkulte Spielereien den natürlichen Schutzwall des Geistes durchbrochen und durch diese Grenzüberschreitungen Tor und Tür für fremde Einflüsse geöffnet und sich damit geschwächt.
Die Frau hörte noch immer Stimmen, die ihr sagten, was sie zu tun habe. Jetzt galt es, Schritt für Schritt einen gesunden Boden zu bereiten, auf dem sie sicher gehen kann. Und das ist – wie immer und überall – nur möglich unter Berücksichtigung der bereits oben erwähnten Lebensgesetze. Das bedeutete für sie im Konkreten, die Stimmen nicht mehr ernstzunehmen, sondern sich in jeder betreffenden Situation bewußtzumachen: ich entscheide (nicht die fremden Stimmen); was halte ich für richtig und passend?
Wir trafen uns einmal in der Woche. Gleichzeitig befand sie sich noch in psychiatrischer Behandlung und besuchte die Tagesstätte, in der sie auch therapeutisch betreut wurde. Zwischen dem Betreuer und mir bestand ein regelmäßiger Austausch.
Die junge Frau schrieb, von mir als Aufgabe gestellt, an jedem Abend auf, was sie tagsüber erlebt hatte, und wir gingen gemeinsam das Erlebte durch, um es richtig einzuordnen und sie durch entsprechende Fragen meinerseits eigene Entscheidungen finden zu lassen.
Sie kommt auch heute noch zu Gesprächen. Immer wieder geht es darum, das Eigene zu finden, den Einfluß des Fremden zu erkennen und wegzuschicken, es loszulassen, sowie aus der zwanghaften Enge allmählich ein Weiter-Werden auch im Umgang mit ganz alltäglichen Dingen zu entwickeln. Durch Natürlichkeit können sich die Löcher im Schutzwall langsam schließen.
Inzwischen hat sie gute Grundlagen, um gesund zu werden. Man muß sich jedoch bewußtmachen, daß die Gesundung bei diesem Störungsbild Jahre, auch Jahrzehnte dauern kann und nur möglich ist durch ein großes und starkes inneres Wollen.
Seit zwei Jahren geht die junge Frau nun wieder einer Arbeit in ihrem erlernten Beruf nach, die Medikamente konnten auf ein Minimum reduziert werden.
Zweites Beispiel: Abhängig von einem anderen Menschen
Gefahr für den Schutz der Seele: die Abhängigkeit von einem anderen MenschenIn einem meiner Atemkurse fiel mir eine junge Frau auf, damals Anfang dreißig, mit traurigem, zugleich verschlossenem und in sich gekehrtem Gesichtsausdruck. Eines Tages während einer Atemübung brach sie in Tränen aus. Kurze Zeit später meldete sie sich bei mir und bat um einen Einzeltermin. Sie erzählte, daß sie schon seit längerem depressiv sei und Medikamente bekomme. Sie habe an nichts mehr Freude, käme morgens kaum mehr aus dem Bett und könne nur mühsam dem Unterricht folgen, geschweige denn lernen für ihre Ausbildung als Physiotherapeutin. Ihr Zustand habe sich in der letzten Zeit trotz der Medikamente eher verschlechtert. Sie selbst sah nur vage Zusammenhänge zu ihrer Erkrankung. Während der Schilderung ihrer Lebensverhältnisse wurde mir jedoch sehr bald klar, daß ein tiefes Abhängigkeitsverhältnis zu ihrer Mutter bestand, welches sie selbst noch nicht durchschaute.
Ihren Vater hatte sie verloren, als sie zwölf Jahre alt gewesen war. Von diesem Zeitpunkt an hatte sich ihre Mutter immer mehr gehen- und schließlich ganz fallenlassen, sie war schwer abhängig von Medikamenten geworden.
Ihre Tochter, meine Patientin, übernahm schon bald Verantwortung für die häuslichen Verhältnisse und zusehends auch für ihre Mutter. Diese stellte wachsende Forderungen an ihre Tochter, indem sie sie moralisch unter Druck setzte: sie dürfe sie nicht allein lassen, sie müsse sich um sie kümmern und dürfe nicht so egoistisch immer nur an sich selbst denken. Meine Patientin hatte ständig ein schlechtes Gewissen und opferte sich auf. Das führte schließlich so weit, daß sie ihr begonnenes Medizinstudium abbrach und wieder zur Mutter zog, die sie zusätzlich noch zwang, die Beziehung zu einem Mann abzubrechen.
Erst nach Jahren bemerkte sie, daß es der Mutter keineswegs half, wenn sie all ihren Forderungen entsprach, sondern daß diese immer krasser wurden und ihr Zustand sich gleichzeitig verschlechterte. Die Tochter schaffte es nach harten inneren Kämpfen, von zu Hause auszuziehen und die besagte Physiotherapie-Ausbildung zu beginnen. Doch damit hatte sich das Abhängigkeitsverhältnis noch nicht gelöst. Die Mutter übte vehementen „Psychoterror“ aus, indem sie sie mehrmals täglich anrief, ihr Vorwürfe machte und sie zwang, jedes Wochenende nach Hause zu fahren, so daß ihr kaum Zeit zum Lernen und noch viel weniger für sich selbst blieb. Jedesmal, wenn sie von ihrer Mutter zurückkam, ging es ihr noch schlechter, die Depression wurde zum Dauerzustand.
Ich versuchte, ihr deutlich zu machen, daß es für jeden Menschen von Bedeutung sei, sich zu entwickeln, daß jeder einen Platz und eine Aufgabe habe, ja, daß es sogar unsere Verpflichtung dem Schöpfer und auch den Menschen gegenüber sei, die Gaben, die uns geschenkt sind, zu entfalten und für uns und andere hilfreich und fördernd einzusetzen. Sie aber habe einen anderen Menschen so über sich bestimmen lassen, daß sie nicht mehr in der Lage sei, selbst zu empfinden, was ihr eigener Weg sei und welche Entscheidungen sie treffen solle. Zu diesem Machtverhältnis gehören zwei, die eine Person, die die Macht ausübe, und die andere Person, die dies zulasse. Das Innerste der Frau war bedrückt, weil es von Fremdem überlagert wurde und die eigenen Fähigkeiten nicht leben konnte.
Mit dieser Erklärung hatte ich sie berührt, und sie erkannte ihre Abhängigkeit. Doch es brauchte Jahre, bis sie sich einigermaßen daraus befreit hatte. Im Abstand sah sie die Zusammenhänge ganz klar, aber sobald sie bei ihrer Mutter war, verfiel sie wie durch einen Sog wieder der Abhängigkeit und glaubte ihr alles.
Langsam, Schritt für Schritt und unterbrochen von langen Durststrecken, versuchte sie umzusetzen, was sie sich nach unseren Gesprächen vorgenommen hatte. Sie gab ihrer Mutter Regeln; so durfte sie nur noch einmal am Tag anrufen, bei weiteren Anrufen hob sie nicht ab, und sie legte grundsätzlich auf, wenn Vorwürfe kamen.
Für ihre Diplomarbeit bekam sie von mir eine Tagesstruktur, da sie selbst noch nicht in der Lage war, sich eine solche zu schaffen, und sie durfte abends anrufen, um zu schildern, was ihr gelungen war. Das gab ihr Motivation, war aber auch äußerst mühsam und verbunden mit einigen Rückfällen.
Im nächsten Therapieschritt ging es darum, die Szenerie mit ihrer Mutter wie auf einer Bühne zu betrachten und selber nicht mitzuspielen, den Ball des Vorwurfs und der Anschuldigungen nicht aufzufangen, sondern bei der Mutter zu lassen und sich nicht zu rechtfertigen, wenn sie einmal ein Wochenende mit Freunden verbringen wollte.
Schließlich brauchte sie Ermutigung und Unterstützung, den Führerschein zu machen und sich eine Stelle zu suchen. Beides gelang gut. Sie hat große Fähigkeiten in ihrem Beruf, die Menschen mögen sie, sie hat Erfolg, und das bestärkt sie.
Inzwischen versucht sie, in den kleinen alltäglichen Dingen zu spüren, was sie möchte und was sie für passend, stimmig und für sinnvoll hält. Grenzen zu setzen, fällt ihr immer noch nicht ganz leicht, sie bemüht sich jedoch, darin wacher zu sein.
Ihr Prozeß des Loslösens aus der Abhängigkeit ist noch nicht ganz abgeschlossen, wohl aber eine sehr große Strecke schon zurückgelegt.
Freude und Sinnhaftigkeit haben wieder Platz in ihrem Leben.
Drittes Beispiel: Schutz in der Rolle des Kämpfers?
Ein ganz anderer Erfahrungswert ergibt sich aus der therapeutischen Arbeit mit einer etwa vierzigjährigen Patientin. Nach außen sehr burschikos und sicher auftretend, setzt sie sich immer wieder für Gerechtigkeit kämpfend ein, sowohl in ihrer privaten Umgebung als auch am Arbeitsplatz oder politisch – und das alles meistens mit großem Erfolg, da sie eine äußerst gute Menschenkenntnis und auch Mut besitzt sowie in der Lage ist, vieles zu durchschauen. In der körpertherapeutischen Behandlung, die die Worte ja hinter sich läßt und das Spürbare in den Vordergrund stellt, zeigt sich ihr Innerstes erstaunlich zart und sanft, zugleich überaus feinfühlend.
Zunächst war sie darüber gar nicht so erfreut, da sie Zartheit mit Schwäche verband und ablehnte. Es lag auf der Hand, daß manche einschneidenden Erfahrungen, die nicht nur in diesem Erdenleben begründet sein können, sie veranlaßt hatten, ihr Innerstes zu verschließen und sich in eine Rolle zu begeben, die sie vermeintlich schützt, begleitet von dem Wunsch, auch andere zu schützen. Da sie eine große innere Reife besitzt und die Bereitschaft, an sich zu arbeiten, ebenso wie ein starkes Vertrauen, ging sie den Weg ihrer Entwicklung weiter und er-kannte, daß dieser Reifungsprozeß sich nur von innen nach außen vollziehen kann. Eine Schilddrüsenerkrankung kam ihr dabei zu Hilfe.
Im Laufe meiner therapeutischen Erfahrung über viele Jahre hat sich gezeigt, daß Störungen der Schilddrüse sehr häufig mit dem Thema „Schutz“ zu tun haben. Meine Frage an die Patientin lautete also: Wie schützen Sie sich? Das bewegte sie intensiv. Sie erkannte, daß sie sich bisher unbewußt durch ihre Rolle der starken Kämpferin schützen wollte. Ihr Inneres war damit jedoch nicht glücklich, es wurde unruhig. Der Ruf nach mehr Raum zum Leben wurde immer deutlicher und zeigte sich in körperlichen Symptomen.
Zunächst trat eine Phase der Verunsicherung ein, die häufig mit einer großen inneren Veränderung einhergeht. Operation und Bestrahlung warfen sie vehement auf sich selbst zurück. Sie begann auf das zu lauschen, was da in ihr leben wollte, und erkannte allmählich, daß das Zartere, Feinfühlige in ihr tragender wurde, ihr Halt gab.
Ihr Umgang mit Menschen verändert sich langsam, andere, tiefere Begegnungen finden statt, andere Saiten in ihr kommen zum Schwingen, einige Begegnungen werden fließender. Sie setzt sich nicht weniger für andere Menschen ein, im Gegenteil, nur anders als früher, mehr das Innere des anderen ansprechend und dessen Entwicklungsweg unterstützend, dadurch Halt gebend.
Für sich hat sie erfahren, daß der größte Schutz darin liegt, sie selbst zu sein, anstatt eine Rolle zu übernehmen.
Die Ursachen für Schutzlosigkeit
Aus der großen Bandbreite der Ursachen für Schutzlosigkeit geben diese wenigen Beispiele nur einen kleinen Einblick. Die Reihe der Ursachen ließe sich noch lange weiterführen.
Neben den erwähnten Hintergründen wie Sucht, zwischenmenschliche Abhängigkeit, das Übernehmen einer Rolle, durchbrechen wir den natürlichen Schutz zum Beispiel, wenn wir zu sehr grübeln und die Gedanken sorgend nur um uns selbst kreisen, wenn wir uns von unseren Emotionen überschwemmen lassen, wenn wir Fremdes, das nicht zu uns paßt, zu nah an uns heranlassen oder zu sehr auf Ungutes schauen und uns davon beeindrucken lassen.
Wir verletzen uns auch selbst, wenn wir uns ständig vergleichen und benachteiligt fühlen oder unseren Schwächen zuviel Raum zum Ausleben geben.
Wie kann man sich besser schützen?
Die Gefahren sind groß, wie man sieht, doch mindestens ebenso groß sind die Möglichkeiten des Sich-Schützens, wir müssen sie nur erkennen und ergreifen, um sie zu nützen.
Ich gehe davon aus, daß wir alle in der langen Kette verschiedener Erdenleben Verletzungen erlebt haben in der Weise, daß wir aus unterschiedlichsten Gründen von den Menschen, die uns nahestanden, in unserer Art nicht angenommen wurden. Jeder wird auf die ihm eigene Weise darauf reagiert haben, sich so lange anzupassen – etwa durch Perfektionismus, äußere Leistung, Kämpfen, Rückzug oder indem er „sein Fähnchen nach dem Wind drehte“ -, bis er den Platz bekommen hat, auf dem er angenommen wurde – jedoch auf Kosten der eigenen Art, der eigenen Identität. Im Hinblick auf die inneren Fähigkeiten ist das ein Akt der Schwächung, bedeutet also weniger Schutz. Andersherum betrachtet schützen wir uns um so mehr, je mehr wir wir selbst sind und unserer eigenen Art, unseren Fähigkeiten entsprechend leben und diese fördernd einsetzen. Im Umsetzen wachsen die Kräfte und schützen uns.
Ich gebe in diesem Zusammenhang oft das Bild verschiedener Blumen auf einer Wiese: Jeder Mensch gleicht einer Blume – und wie Mohnblume, Arnika, Glockenblume, Margerite usw. ganz in ihrer eigenen Art leuchten, ihre Schönheit zeigen und strahlen, sollte auch jeder Mensch ganz er selbst sein. Aus der Vielzahl der Eigenarten ergibt sich die Schönheit und Vollkommenheit des Ganzen.
Für das konkrete Handeln ist es hilfreich, einige Aspekte zu beachten. Zum Beispiel immer auf dem eigenen Boden zu stehen, ihn gegenüber anderen Menschen nicht zu verlassen, also im Gegenüber zu bleiben, anstatt in die Probleme des anderen hineinzufallen und sich darin zu verlieren. Im Gegenüber ist Verstehen und Mitempfinden möglich, im Untertauchen nicht. Damit einher geht auch die Fähigkeit zur Sachlichkeit, die oft verwechselt wird mit Kälte und Nüchternheit. Wie gut tut es jedoch, wenn alle an einer bestimmten Angelegenheit Beteiligten sich darauf einstellen, die Sache, um die es geht, bestmöglich zu lösen und zu fördern, anstatt an persönlichen Interessen festzuhalten. Sachlichkeit bedeutet also, die Sache zu unterstützen. Darin liegt ein großer Schutz vor Übergriffen! Sich zu schützen bedeutet gegebenenfalls auch, Grenzen zu setzen und den Mut zu haben, Erkenntnisse umzusetzen und nicht einfach alles irgendwie laufen zu lassen.
Gesunder Abstand und gesunde Nähe im eigenen „Raum“
All diese Anregungen streifen einen Kernbereich des Themas „Schutz“, der mich seit einiger Zeit sehr intensiv beschäftigt, sowohl im therapeutischen als auch im persönlichen Bereich. Es ist dies der Aspekt des gesunden Abstandes in zwischenmenschlichen Beziehungen – man könnte auch sagen: des rechten Maßes an Nähe.
Dazu einige Fragen, die man sich im Alltag ruhig einmal stellen kann: Wie steht es um den „Raum“, in dem ich mich täglich befinde, umgeben von Menschen, die ihren Alltag mit mir teilen? Wer befindet sich in meinem Raum? Finde ich alles, was mich umgibt, passend, oder läuft jemand hindurch, ohne daß ich es möchte? Auf welchem Platz stehen die einzelnen? Paßt der Abstand zu mir? Ist jemand zu nah an mich herangekommen – oder zu weit entfernt? Wie sollte ich mich verhalten, damit der Abstand stimmt? Welchen Platz brauche ich, um ich selbst sein zu können, und welchen Platz braucht der andere, um auch seinen Raum wahren zu können?
Dabei ist es wichtig, das zu akzeptieren, was der einzelne braucht. Das ganze Geschehen ist ja nichts Feststehendes, sondern von ständiger, lebendiger Beweglichkeit. Diese beinhaltet zum Beispiel auch, daß in einer sehr nahen, innigen Beziehung nicht ständig absolute Nähe angesagt ist und man mit einem entfernter stehenden Menschen auch einmal etwas tun kann, was mit dem Nahestehenden nicht möglich ist, das aber passend und bereichernd sein kann.
Eine Patientin hatte einmal in einer Einzelstunde ein wunderschönes, in meinen Augen sehr treffendes Bild zu diesem Thema: Sie fühlte sich in diesem Moment sehr im Einklang mit sich selbst, voll innerer Wärme, fast wie ein Leuchten. Naturgemäß trat das Bedürfnis ein, den ihr nahestehenden Menschen etwas davon zu geben. Zuerst tauchte ihr Sohn auf. Voller Betroffenheit darüber, wie sehr er das Schöne in ihr brauchte, und voller Sorge für ihn gab sie ihm davon – und das Leuchten in ihr verblaßte. Wie konnte das geschehen? In dem Zuviel an Sorge hatte sie ihr Inneres verlassen und war in seine Probleme eingetaucht.
In einem zweiten Versuch, von ihrer Wärme und ihrem Leuchten weiterzugeben, tauchte eine rotgelbe Wand auf, ein Weben voller Emotionen, die ihr das eigene Leuchten abermals nahm. Erst beim dritten Versuch, als sie erst einmal still stand und lauschte und schaute, erschien das hilfreiche Bild. Sie sagte, es komme ihr vor, als ob jede der im Bild anwesenden Personen aus ihrer Familie ein Planet sei, der auf seinem Platz steht. Von diesem Platz aus beginnt es zu fließen und zu schwingen zwischen den Planeten … und ihr Leuchten blieb.
Der größte Schutz: das Urvertrauen
Die Rolle des Kämpfers bietet nur vermeintlich Schutz. Den größten Schutz erfährt der Mensch, wenn es ihm gelingt, er selbst zu sein.Der Mensch erfährt Schutz, wenn er ganz er selbst ist. Also muß sein Streben dahin gehen, sein Innerstes leben zu lassen, es zur Entfaltung zu bringen. Was braucht aber dieses Innerste, um leben und wieder heil werden zu können?
Um das herauszufinden, müssen wir lernen, auf dieses Innere zu lauschen. Hier benutze ich gerne das Bild eines Baches, der immer Beziehung zur Quelle hat. Erst wenn unser Inneres sich öffnet, findet es Verbindung nach oben, zu dem Ursprung, zu dem Urquell. Im Öffnen sind wir leer, nur so kann etwas hineinfließen. Der Sinn dieser Aussage kann sich erst erschließen, wenn wir es versuchen, jeden Tag von neuem. Normalerweise sind wir daran gewöhnt, uns „in die Breite“ zu öffnen, dadurch gelangt oft Fremdes und Unangenehmes in uns hinein. Im Öffnen nach oben aber empfangen wir Hilfen, Ideen, neue Möglichkeiten, aus denen wir dann schöpfen können. Dazu ein Zitat von Saint-Exupéry: „Die Demut des Herzens verlangt nicht, daß du dich demütigen, sondern daß du dich öffnen sollst. Das ist der Schlüssel des Austausches. Nur dann kannst du geben und empfangen. Und ich kann nicht das eine vom anderen unterscheiden; diese beiden Worte sind für den gleichen Weg bestimmt. Demut ist nicht Unterwerfung unter die Menschen, sondern unter Gott. So wie der Stein nicht den Steinen, sondern dem Tempel unterworfen ist. Wenn du dienst, dienst du dem Werk.“ (Aus: „Die Stadt in der Wüste“)
In diesem Sichöffnen kann sich langsam etwas entwickeln, das uns den größten Schutz gewährt, den es gibt: das Vertrauen, Ur-Vertrauen und letztlich das Gottvertrauen.
Betrachten wir einmal den Begriff „Ver-trauen“ und die damit verbundenen Sinnanklänge: Wir finden darin das Sichtrauen; im Sichtrauen, also in dem Mut zu handeln, im Tun wächst das Vertrauen. (3) Außerdem klingt das „Sich-vertraut-Machen“ an, das bedeutet, etwas kennenzulernen, zu verstehen, es sich zu eigen zu machen. Indem wir uns den Schöpfungs-, Natur- und Lebensgesetzen anvertrauen, sie kennenlernen und verstehen, wächst unser Vertrauen, und langsam kann dann auf dem Boden unserer Seele das Gottvertrauen Wurzeln schlagen und allmählich emporwachsen, uns innerlich Schutz und Halt gewähren und unsere Wunden heilen.
Der Weg dorthin erfordert starkes Bemühen und inneres Ringen.
Mir persönlich hat am meisten die Erkenntnis geholfen, daß nichts, was mir widerfährt, aus Willkür, wahllos oder zufällig geschieht, sondern daß ich zu dem jeweiligen Geschehen selbst Anlaß gegeben habe, daß es zu mir paßt. Und dadurch konnte ich – oft erst im nachhinein – die leidvollen Situationen als Hilfe erkennen. Als tröstlich empfinde ich auch das Wissen, daß Zerstörerisches und Schlechtes immer nur von Menschenhand kommt. Das Licht kennt das Dunkel nicht. In diesem Sinne ist auch das folgende Zitat aus dem Werk „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“ zu verstehen: „Im Aufstieg liegen aber die Gefahren immer hinter jedem Menschengeiste, niemals vor ihm, dessen sei er sich bewußt.“ (Vortrag „Meidet die Pharisäer!“ Band 3)
Gottvertrauen kann nicht erzwungen werden, es kann nur in uns wachsen, indem wir uns dafür öffnen. Unsere Sehnsucht, unser Suchen voller Sehnen, ist die treibende Kraft dazu, diesen größten Schutz für unsere Seele (wieder) zu erlangen.
Anmerkungen:
1 Mehr zum Thema Ernährung und Blutausstrahlung finden Sie bei Christopher Vasey: „Das Blutgeheimnis“ (Verlag der Stiftung Gralsbotschaft, ISBN 978-3-87860-229-3) sowie „Was fehlt mir?“ (Gralsverlag, ISBN 3-902418-02-8).
2 Vgl. Susanne Barknowitz: „Atmen – ein lebendiges Geschehen“ (Gralsverlag, ISBN 3-902418-04-4)
3 Vgl. Susanne Barknowitz, „Wege aus der Seelenkrise“ (Band 2 der Reihe „Lebenshilfen aus der Gralsbotschaft“, Verlag der Stiftung Gralsbotschaft, ISBN 978-3-87860-321-4)
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Autor: Susanne Barknowitz
