Merry Christmas
Weihnachtsfriede an der Front
Ein Anti-Kriegsfilm von Christian Carlon
Im grossen cineastischen Fundus unserer Zeit scheint es zwei große Macharten zu geben, die sich filmisch mit der „Bestie Krieg“ und deren widersinnigem Auslöschen menschlichen Lebens im großen Stile auseinandersetzen. Die erste propagandistische Variante mit ihrer zweckdienlichen Moral zelebriert eine äußerst einseitige Sicht der Dinge, indem der Hauptdarsteller, legitimiert durch eine ihm widerfahrene Ungerechtigkeit, beinahe genüßlich das archaische Exempel „Auge um Auge“ am stets anonymen und unsympathischen Feind statuiert. Bei all dem Greuel verdankt der vermeintliche „Held“ dabei seine reine Weste einzig der eigenwilligen „Zauberkraft“ des Regisseurs, der die Bilder genau so mystifiziert, daß sich die entmenschlichte Fratze unserer Spezies ausschließlich im Konterfei des Feindes widerspiegelt! Der letzte Blockbuster dieses Stiles namens „300“ zog trotz seines wahren geschichtlichen Hintergrundes hohe Wogen der Entrüstung nach sich, da die Bildsprache der wild mordenden und dabei immer elegant und heroisch wirkenden Spartaner frappierend an die „faschistische Filmästhetik“ Leni Riefenstahls mit ihrer überzeichneten Darstellung des Heldentums in eindringlichen Bildern erinnerte. In der Vergangenheit verkauften sich durch eben solch suggestive „Filmtricks“, die das Archaische im Menschen ansprechen, schon zu viele Regisseure als willfährige Handlanger des Militärs, indem sie das sinnlose Massakrieren in ein weichgezeichnetes, pathetisches Heldenepos oder eine nette Abenteuerromantik mit Happy- End-Garantie verwandelten und dadurch eine boomende Rekrutierungsmaschine für die einzelnen Waffengattungen etablierten! Daß die Realität indes anders aussieht, wird dem US-Film erst durch das Trauma des Vietnamkrieges bewußt, nachdem die ersten „echten“ Bilder von den Kampfeinsätzen in das zivile Leben einbrechen. Der filmische Freifahrtschein Amerikas – „ausgestellt“ durch das Verdienst, im Zweiten Weltkrieg auf der richtigen Seite gekämpft zu haben – verlor plötzlich im Aufschrei des Gewissens seine Gültigkeit, nachdem Szenen von Hinrichtungen, zivilen Massakern die Welt und ihre Filmemacher schockierten.
So entstand in den darauffolgenden Jahren eine andere, radikale Bildsprache, die sich in einer extremen Gegenbewegung dem Unschönen, dem Scheitern, der Häßlichkeit annahm und sie in das Epizentrum der Gutbürgerlichkeit mit ihrem Hang zum Kitsch pferchte. Neben „Die durch die Hölle gehen“, „Platoon“ oder „Apocalypse Now“ war es auch der schaurige Film „Taxi Driver“, der den alltäglichen Wahnsinn modernen urbanen Lebens aufgriff und in den düsteren, collagehaften Taxifahrten eines psychotischen Vietnamveterans die Gewalttätigkeit und trostlose Anonymität New Yorks aufzeigte … einer Stadt, die Frank Sinatra zuvor noch so romantisch besungen hatte! Regisseure wie Francis Coppola oder Oliver Stone tauchten tief in jene ungeschönte, schonungslose Art des Filmemachens ein, in der die Protagonisten nicht in ein interessenbehaftetes Korsett gespannt wurden und der Plot dabei so vorhersehbar wirkte. Vielmehr entließ man nun den Helden in eine entzauberte, gefährliche Welt, in der dafür aber auch alles möglich war!
In jenen Kategorien gesprochen, wäre die 2005 von Christian Carion gedrehte deutsch-französische Koproduktion „Merry Christmas“ eigentlich nicht radikal genug, da sie den Zuschauer nicht mit aller Gewalt aufwecken, schockieren möchte und dabei das Teleobjekt als „Waffe“ einsetzt, um mit Nahaufnahmen von aufgebrochenen Leibern oder abgerissenen Gliedmaßen den Krieg zu bekriegen! Nichtsdestoweniger ist „Merry Christmas“ auf seine Weise ein schonungsloser Streifen, da er durch irritierende, aber gleichzeitig auch sanftmütige Bilder in hohem Maße zu jener Reflexion anregt, die beide Seiten einer „Fehde“ betrachtet um dabei möglicherweise über der Erkenntnis eigener Halsstarrigkeit zu verzweifeln!
Während das Schlachtengetümmel für viele Antikriegsfilme einen unersetzlichen Bestandteil der Rhetorik darstellt, betrachtet „Merry Christmas“ die obligatorischen Explosionen, Kämpfe und den typischen Uniformenfetisch lediglich als Momentaufnahme am Rande. Im dominanten Fauchen des Maschinengewehrs, im Wimmern des Todeskampfes und in der menschenverachtenden Offiziersmentalität jener Jahre, wo der Sozialdarwinismus erst beim Leutnant beginnt, ist es vielmehr ein eigenartig bedächtiger, unspektakulärer Erzählstil, auf den die Handlung mutig baut. Wo also üblicherweise wilde Schnitte das Chaos transportieren und verwackelte Kameras sogartig in die Schlacht ziehen, glänzt Carions Szenenbild mit „menschlicher Ruhe“ in stoisch langen Totalen oder bestechenden Nahaufnahmen, die wortlos ein Leben aufspannen und die Strapazen des Fokussierten in eine kurze Sequenz bannen. Die volle Aufmerksamkeit erhält dahingegen das kurzzeitige Aufblühen der Soldaten zum Guten und Edlen. Hierbei „gießt“ Carion in die blutüberströmte Schale des Schlachtfeldes bei einer überraschenden und skurrilen Kampfpause zu Heiligabend als äußerstes „Kontrastmittel“ Freundschaft, Hoffnung … das Fest der Liebe – Weihnachten!
Beflügelt durch die imperialistische Überhebung der eigenen Völker und einer damals vorherrschenden „romantischen Kriegslust“ erklären die sogenannten Mittelmächte, also das Deutsche Reich mit Österreich-Ungarn den Entente-Mächten Frankreich, Großbritannien und Rußland den Krieg. In dem darauffolgenden und heute nicht nachvollziehbaren Freudentaumel über den Beginn des Kriegs, ahnen die Rekruten allerdings noch nichts von der neuen Effektivität moderner Kriegsführung mit ihren Panzern, Flammenwerfern und chemischen Waffen, durch die es in festgefahrenen Stellungskriegen zu schwindelerregenden Opferzahlen kommen wird. Analog zu diesem historischen Hintergrund gibt der Regisseur den imperialistischen Duktus zu Beginn des Films wieder, indem er in kurzen Einblendungen die Kinder eines verfeindeten Europas in ihren Klassenzimmern üble Hetzpamphlete über die Widerwärtigkeit des verfeindeten Volkes rezitieren läßt. Vor diesem brisanten Szenario am Vorabend des Ersten Weltkrieges 1914 erzählt der Streifen die Geschichte des gefeierten Tenors Nikolaus Sprink (Benno Fürmann) und der gleichsam schönen wie anmutigen dänischen Star-Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger), deren künstlerisches Schaffen und gemeinsame Liebe während einer laufenden Vorstellung durch die Bekanntgabe des Kriegseintrittes jäh unterbrochen wird. Sprink wird noch während der Vorstellung rekrutiert und findet sich nach einigen Monaten in einer der berüchtigten Stellungen an der Westfront zwischen Deutschland und Frankreich wieder. Für die französischen, britischen und deutschen Truppen, die sich an dem trostlosen Frontabschnitt festgebissen haben und sich so seit Wochen schon gegenüberstehen, bedeutet dieses nervenaufreibende Dezimieren in hilflosen Scharmützeln den Höhepunkt der Sinnlosigkeit ihres Handelns. Zu dem tödlich-skurrilen Hin und Her an der Frontlinie gesellt sich bedrückend deutlich das Nahen des ersten Weihnachtsfestes des Krieges. Da es Anna im weit entfernten Berlin ohne ihren Geliebten Nikolaus nicht länger aushält, beantragt sie beim Oberkommando eine Sondergenehmigung, um Heiligabend vor dem Offizierskorps an dem Frontabschnitt singen zu dürfen, wo auch Sprink stationiert ist. Es kommt tatsächlich zur Genehmigung ihres Gesuches und zu einem Wiedersehen der beiden.
Nach dem kleinen „Pflichtkonzert“ in der „Residenz“ der Kommandeure, einer beschlagnahmten, vornehmen Villa, in der es an nichts mangelt, beschließen die zwei Künstler, noch in derselben „Weih-Nacht“ für ihre Kameraden an der Front zu singen. Was sich nun im umkämpften Niemandsland plötzlich wie ein Lauffeuer ausbreitet, hätte niemand in seinen kühnsten Träumen erwartet, denn aus den einzelnen Gesängen, die aus den Schützengräben der verfeindeten Lager dringen, vereinigt sich unter der Federführung Sprinks zögerlich ein gemeinsames Musizieren in bekannten Liedern wie „Stille Nacht“. Langsam, im Singen tastend, überwinden nun die einzelnen Gruppen ihre Schützengräben in friedvoller Absicht und schreiten schüchtern und ergriffen aufeinander zu, um gemeinsam mit dem Feind das schönste und vielleicht auch das letzte Fest ihres leidgeprüften Lebens zu feiern! Der Höhepunkt in dieser bewegenden Sequenz ist ein gemeinsamer Gottesdienst unter einem gütigen, sternenklaren Firmament mit dem darauffolgenden Gesang einer zerbrechlichen Sopranistin, die mit ihrem „Ave Maria“ jedoch weit machtvoller wirkt als jeglicher schwer bewaffnete Soldat! Leider bleibt die hoffnungsvolle Verbrüderung nur eine kleine Episode im großen Krieg: einige Tage nach Heiligabend werden die Kriegshandlungen unter Androhung drakonischer Strafen fortgeführt und die am „kleinen Frieden“ beteiligten Regimenter strafversetzt …
Diese Szene des historisch belegten „Weihnachtsfriedens“, welche sich an unzähligen Abschnitten der Front auf ähnliche Weise wiederholte, erstrahlt in einer von Bomben verstümmelten Umgebung gänzlich losgelöst von zeitlichem Bezug und gibt so einen wundervoll klärenden Blick preis, der einen für Momente aus dem Geschehen nimmt. Hier, in dieser Einöde, in der es äonenweit nichts als den Tod zu geben scheint, offenbart sich im erbarmungswürdigen Ausmaß eines kleinen Friedensrefugiums plötzlich jenes große Wunder und Geschenk des Seindürfens, das dem übermächtigen Tiefschwarz unseres leblosen und lieblosen „Alls“ standhaft und tapfer trotzt wie eine reine Blume auf weit versengtem Flor!
Im grossen cineastischen Fundus unserer Zeit scheint es zwei große Macharten zu geben, die sich filmisch mit der „Bestie Krieg“ und deren widersinnigem Auslöschen menschlichen Lebens im großen Stile auseinandersetzen. Die erste propagandistische Variante mit ihrer zweckdienlichen Moral zelebriert eine äußerst einseitige Sicht der Dinge, indem der Hauptdarsteller, legitimiert durch eine ihm widerfahrene Ungerechtigkeit, beinahe genüßlich das archaische Exempel „Auge um Auge“ am stets anonymen und unsympathischen Feind statuiert. Bei all dem Greuel verdankt der vermeintliche „Held“ dabei seine reine Weste einzig der eigenwilligen „Zauberkraft“ des Regisseurs, der die Bilder genau so mystifiziert, daß sich die entmenschlichte Fratze unserer Spezies ausschließlich im Konterfei des Feindes widerspiegelt! Der letzte Blockbuster dieses Stiles namens „300“ zog trotz seines wahren geschichtlichen Hintergrundes hohe Wogen der Entrüstung nach sich, da die Bildsprache der wild mordenden und dabei immer elegant und heroisch wirkenden Spartaner frappierend an die „faschistische Filmästhetik“ Leni Riefenstahls mit ihrer überzeichneten Darstellung des Heldentums in eindringlichen Bildern erinnerte. In der Vergangenheit verkauften sich durch eben solch suggestive „Filmtricks“, die das Archaische im Menschen ansprechen, schon zu viele Regisseure als willfährige Handlanger des Militärs, indem sie das sinnlose Massakrieren in ein weichgezeichnetes, pathetisches Heldenepos oder eine nette Abenteuerromantik mit Happy- End-Garantie verwandelten und dadurch eine boomende Rekrutierungsmaschine für die einzelnen Waffengattungen etablierten! Daß die Realität indes anders aussieht, wird dem US-Film erst durch das Trauma des Vietnamkrieges bewußt, nachdem die ersten „echten“ Bilder von den Kampfeinsätzen in das zivile Leben einbrechen. Der filmische Freifahrtschein Amerikas – „ausgestellt“ durch das Verdienst, im Zweiten Weltkrieg auf der richtigen Seite gekämpft zu haben – verlor plötzlich im Aufschrei des Gewissens seine Gültigkeit, nachdem Szenen von Hinrichtungen, zivilen Massakern die Welt und ihre Filmemacher schockierten.
So entstand in den darauffolgenden Jahren eine andere, radikale Bildsprache, die sich in einer extremen Gegenbewegung dem Unschönen, dem Scheitern, der Häßlichkeit annahm und sie in das Epizentrum der Gutbürgerlichkeit mit ihrem Hang zum Kitsch pferchte. Neben „Die durch die Hölle gehen“, „Platoon“ oder „Apocalypse Now“ war es auch der schaurige Film „Taxi Driver“, der den alltäglichen Wahnsinn modernen urbanen Lebens aufgriff und in den düsteren, collagehaften Taxifahrten eines psychotischen Vietnamveterans die Gewalttätigkeit und trostlose Anonymität New Yorks aufzeigte … einer Stadt, die Frank Sinatra zuvor noch so romantisch besungen hatte! Regisseure wie Francis Coppola oder Oliver Stone tauchten tief in jene ungeschönte, schonungslose Art des Filmemachens ein, in der die Protagonisten nicht in ein interessenbehaftetes Korsett gespannt wurden und der Plot dabei so vorhersehbar wirkte. Vielmehr entließ man nun den Helden in eine entzauberte, gefährliche Welt, in der dafür aber auch alles möglich war!
In jenen Kategorien gesprochen, wäre die 2005 von Christian Carion gedrehte deutsch-französische Koproduktion „Merry Christmas“ eigentlich nicht radikal genug, da sie den Zuschauer nicht mit aller Gewalt aufwecken, schockieren möchte und dabei das Teleobjekt als „Waffe“ einsetzt, um mit Nahaufnahmen von aufgebrochenen Leibern oder abgerissenen Gliedmaßen den Krieg zu bekriegen! Nichtsdestoweniger ist „Merry Christmas“ auf seine Weise ein schonungsloser Streifen, da er durch irritierende, aber gleichzeitig auch sanftmütige Bilder in hohem Maße zu jener Reflexion anregt, die beide Seiten einer „Fehde“ betrachtet um dabei möglicherweise über der Erkenntnis eigener Halsstarrigkeit zu verzweifeln!
Während das Schlachtengetümmel für viele Antikriegsfilme einen unersetzlichen Bestandteil der Rhetorik darstellt, betrachtet „Merry Christmas“ die obligatorischen Explosionen, Kämpfe und den typischen Uniformenfetisch lediglich als Momentaufnahme am Rande. Im dominanten Fauchen des Maschinengewehrs, im Wimmern des Todeskampfes und in der menschenverachtenden Offiziersmentalität jener Jahre, wo der Sozialdarwinismus erst beim Leutnant beginnt, ist es vielmehr ein eigenartig bedächtiger, unspektakulärer Erzählstil, auf den die Handlung mutig baut. Wo also üblicherweise wilde Schnitte das Chaos transportieren und verwackelte Kameras sogartig in die Schlacht ziehen, glänzt Carions Szenenbild mit „menschlicher Ruhe“ in stoisch langen Totalen oder bestechenden Nahaufnahmen, die wortlos ein Leben aufspannen und die Strapazen des Fokussierten in eine kurze Sequenz bannen. Die volle Aufmerksamkeit erhält dahingegen das kurzzeitige Aufblühen der Soldaten zum Guten und Edlen. Hierbei „gießt“ Carion in die blutüberströmte Schale des Schlachtfeldes bei einer überraschenden und skurrilen Kampfpause zu Heiligabend als äußerstes „Kontrastmittel“ Freundschaft, Hoffnung … das Fest der Liebe – Weihnachten!
Beflügelt durch die imperialistische Überhebung der eigenen Völker und einer damals vorherrschenden „romantischen Kriegslust“ erklären die sogenannten Mittelmächte, also das Deutsche Reich mit Österreich-Ungarn den Entente-Mächten Frankreich, Großbritannien und Rußland den Krieg. In dem darauffolgenden und heute nicht nachvollziehbaren Freudentaumel über den Beginn des Kriegs, ahnen die Rekruten allerdings noch nichts von der neuen Effektivität moderner Kriegsführung mit ihren Panzern, Flammenwerfern und chemischen Waffen, durch die es in festgefahrenen Stellungskriegen zu schwindelerregenden Opferzahlen kommen wird. Analog zu diesem historischen Hintergrund gibt der Regisseur den imperialistischen Duktus zu Beginn des Films wieder, indem er in kurzen Einblendungen die Kinder eines verfeindeten Europas in ihren Klassenzimmern üble Hetzpamphlete über die Widerwärtigkeit des verfeindeten Volkes rezitieren läßt. Vor diesem brisanten Szenario am Vorabend des Ersten Weltkrieges 1914 erzählt der Streifen die Geschichte des gefeierten Tenors Nikolaus Sprink (Benno Fürmann) und der gleichsam schönen wie anmutigen dänischen Star-Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger), deren künstlerisches Schaffen und gemeinsame Liebe während einer laufenden Vorstellung durch die Bekanntgabe des Kriegseintrittes jäh unterbrochen wird. Sprink wird noch während der Vorstellung rekrutiert und findet sich nach einigen Monaten in einer der berüchtigten Stellungen an der Westfront zwischen Deutschland und Frankreich wieder. Für die französischen, britischen und deutschen Truppen, die sich an dem trostlosen Frontabschnitt festgebissen haben und sich so seit Wochen schon gegenüberstehen, bedeutet dieses nervenaufreibende Dezimieren in hilflosen Scharmützeln den Höhepunkt der Sinnlosigkeit ihres Handelns. Zu dem tödlich-skurrilen Hin und Her an der Frontlinie gesellt sich bedrückend deutlich das Nahen des ersten Weihnachtsfestes des Krieges. Da es Anna im weit entfernten Berlin ohne ihren Geliebten Nikolaus nicht länger aushält, beantragt sie beim Oberkommando eine Sondergenehmigung, um Heiligabend vor dem Offizierskorps an dem Frontabschnitt singen zu dürfen, wo auch Sprink stationiert ist. Es kommt tatsächlich zur Genehmigung ihres Gesuches und zu einem Wiedersehen der beiden.
Nach dem kleinen „Pflichtkonzert“ in der „Residenz“ der Kommandeure, einer beschlagnahmten, vornehmen Villa, in der es an nichts mangelt, beschließen die zwei Künstler, noch in derselben „Weih-Nacht“ für ihre Kameraden an der Front zu singen. Was sich nun im umkämpften Niemandsland plötzlich wie ein Lauffeuer ausbreitet, hätte niemand in seinen kühnsten Träumen erwartet, denn aus den einzelnen Gesängen, die aus den Schützengräben der verfeindeten Lager dringen, vereinigt sich unter der Federführung Sprinks zögerlich ein gemeinsames Musizieren in bekannten Liedern wie „Stille Nacht“. Langsam, im Singen tastend, überwinden nun die einzelnen Gruppen ihre Schützengräben in friedvoller Absicht und schreiten schüchtern und ergriffen aufeinander zu, um gemeinsam mit dem Feind das schönste und vielleicht auch das letzte Fest ihres leidgeprüften Lebens zu feiern! Der Höhepunkt in dieser bewegenden Sequenz ist ein gemeinsamer Gottesdienst unter einem gütigen, sternenklaren Firmament mit dem darauffolgenden Gesang einer zerbrechlichen Sopranistin, die mit ihrem „Ave Maria“ jedoch weit machtvoller wirkt als jeglicher schwer bewaffnete Soldat! Leider bleibt die hoffnungsvolle Verbrüderung nur eine kleine Episode im großen Krieg: einige Tage nach Heiligabend werden die Kriegshandlungen unter Androhung drakonischer Strafen fortgeführt und die am „kleinen Frieden“ beteiligten Regimenter strafversetzt …
Diese Szene des historisch belegten „Weihnachtsfriedens“, welche sich an unzähligen Abschnitten der Front auf ähnliche Weise wiederholte, erstrahlt in einer von Bomben verstümmelten Umgebung gänzlich losgelöst von zeitlichem Bezug und gibt so einen wundervoll klärenden Blick preis, der einen für Momente aus dem Geschehen nimmt. Hier, in dieser Einöde, in der es äonenweit nichts als den Tod zu geben scheint, offenbart sich im erbarmungswürdigen Ausmaß eines kleinen Friedensrefugiums plötzlich jenes große Wunder und Geschenk des Seindürfens, das dem übermächtigen Tiefschwarz unseres leblosen und lieblosen „Alls“ standhaft und tapfer trotzt wie eine reine Blume auf weit versengtem Flor!
Autor: Mehmet Yesilgöz
