Dr.-Ing. Franz Past
Das „GPS“ der Tiere
Beim Thema „Navigation“ denkt man an Kompaß, Landkarten oder an die neuere Errungenschaft des „GPS“ (Global Position-ing System). Wenn man demgegenüber aber die Navigationsleistungen von Tieren betrachtet, erscheinen unsere technischen Entwicklungen ziemlich banal. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welch feinen Sensoren Tiere ausgestattet sind, um sich zurechtzufinden. Tobias Kunst sprach darüber mit Dr.-Ing. Franz Past.
GralsWelt: Herr Dr. Past, wie kommt ein Vermessungsingenieur dazu, sich mit ornithologischen Fragen und mit dem Orientierungsverhalten von Tieren zu befassen?
Past: Als Landvermesser habe ich im Ruhestand endlich Zeit und Muße, mich Fachgebieten zu widmen, die am Rande des Vermessungswesens liegen. Zu dem Thema kam ich durch Zufall, als ich in der Zeitschrift „Science“ einen Artikel las, der sich mit der Orientierung von Wüstenameisen befaßte. Wissenschaftlern war es erstmals gelungen nachzuweisen, daß die Ameisen sowohl die Richtung erkennen als auch Schritte zählen können. Als Geodät haben mich diese Versuche natürlich fasziniert, weil auch Landvermesser Richtung und Entfernung für ihre Arbeit brauchen.
GralsWelt: Welchen Einfluß haben das Erdmagnetfeld und künstliche Magnetfelder auf Vögel?
Past: Das Erdmagnetfeld umhüllt die Erde wie ein unsichtbares Schild und hat seine Ursache in der Eisenschmelze im Erdkern. Die magnetischen Feldlinien verlaufen am Äquator nahezu parallel zur Erdoberfläche. Sie treten am Nordpol fast senkrecht in das Erdinnere ein und am Südpol wieder heraus. Die Intensität des Magnetfeldes kann mit hochempfindlichen Instrumenten gemessen werden.
Man hat zum Beispiel herausgefunden, daß sich die Rotkehlchen beim Vogelzug mit Hilfe des rechten Auges am Magnetfeld der Erde orientieren können. Wenn man ihnen das rechte Auge abdeckt, sind sie unter den Versuchsbedingungen völlig orientierungslos. Klebt man dagegen das linke Auge zu, fliegen sie korrekt wie mit zwei offenen Augen. Daraus folgert man, daß die Rotkehlchen in der Lage sind, das Magnetfeld der Erde zu scannen und wahrzunehmen.
In der Netzhaut der Gartengrasmücke hat man Cryptochrom-Moleküle gefunden, mit denen sie das Magnetfeld der Erde „sehen“ kann. Bei Brieftauben soll der innere Kompaß im Schnabel verankert sein. In der Haut des oberen Schnabels befinden sich Nervenzellen, in deren Verzweigungen eisenhaltige Partikel der Verbindungen Maghemit und Magnetit enthalten sind. Die Verzweigungen wirken in ihrem dreidimensionalen Muster wie ein dreiachsiges Magnetometer, das die Richtung des Magnetfeldes in allen drei räumlichen Dimensionen umfaßt. Magnetit ist übrigens ein Material, aus dem Kompaßnadeln hergestellt werden.
Wissenschaftler haben den Flug von Nachtigalldrosseln von Süd- nach Nordamerika beobachtet. Dabei hat man die Forschungsvögel kurzfristig in einen Käfig eingesperrt und mit einem manipulierten und um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn gedrehten Magnetfeld konfrontiert. Nach Einbruch der Dämmerung hat man sie wieder in die Freiheit entlassen.
Um ihren Weg verfolgen zu können, wurden winzige Sender auf ihren Rücken befestigt. Die Vögel reagierten allesamt gleichartig: Sie flogen in eine um 90 Grad gedrehte Richtung, also nach Westen statt nach Norden. Offensichtlich haben sie ihren Magnetkompaß auf den neuen Kurs justiert. Darüber hinaus hat man herausgefunden, daß die Nachtigalldrosseln während der Dämmerung die Fehlinformation wieder löschen, ihren Kompaß neu justieren und am nächsten Tag wieder auf dem richtigen Kurs nach Norden fliegen. Auch Brieftauben verwenden bei ihrem Rückflug über mehrere tausend Kilometer das Erdmagnetfeld für die Navigation.
GralsWelt: Ist es auch für uns Menschen möglich, das Magnetfeld irgendwie zu spüren – ohne technische Hilfsmittel?
Past: Mir sind Untersuchungen bekannt, nach denen Menschen die Himmelsrichtung wissen, auch wenn man ihnen Augen und Ohren verhüllt und sie auf einem Stuhl im Kreis gedreht hat. Umgibt man sie mit elektromagnetischen Spulen und wird damit ein künstliches Magnetfeld erzeugt, sollen sie die Orientierung zum Teil verloren haben. Es ist allerdings sehr umstritten, ob der Mensch tatsächlich das Magnetfeld der Erde spüren kann. Man soll zwar im Gehirn einige Kristalle von Magneteisenstein entdeckt haben, diese Mengen dürften allerdings zu gering sein, um als Navigationssystem zu dienen.
GralsWelt: Nutzen außer Vögeln auch andere Tiere das Erdmagnetfeld?
Past: Bei einer Anzahl von tierischen Organismen ist der Einfluß der magnetischen Felder hinsichtlich der Orientierung im Raum untersucht worden. Von Insekten wird berichtet, daß sie sich bevorzugt in Nord-Süd- oder Ost-West-Richtung einstellen. Termiten richten sich bei der Errichtung ihrer keilförmigen Bauten nach dem Erdmagnetfeld. Der Einfluß der Magnetfeldrichtung ist auch beim Wabenbau der Honigbienen zu erkennen.
Wenn die Feldrichtung um 40 Grad gedreht wird, ändern sie die Orientierung der Wabe ebenfalls um 40 Grad. Haie lassen sich durch künstliche Magnetfelder in ihrem Orientierungsvermögen beeinflussen. Wenn sie orientierungslos stranden, führt man dieses Fehlverhalten auf elektromagnetische Strahlen zurück, also durch Sender erzeugte elektromagnetische Schwingungen. Graumulle sind blind und leben unter der Erde. In ihrem Gehirn hat man verstärkte magnetische Reize nachgewiesen. Auch sie reagieren auf künstlich veränderte Magnetfelder.
Zu den Lebewesen mit Magnetfeldorientierung gehören auch gewisse Bakterien, Schnecken, Fische, Meeresschildkröten, Wanderameisen und viele andere mehr. Bei Lachsen und Regenbogenforellen hat man festgestellt, daß sich die magnetithaltigen Zellen, die auf Magnetreize reagieren, in der Nasengrube befinden.
Untersuchungen haben ergeben, daß auch Langusten über einen Orientierungssinn verfügen, der es ihnen gestattet, sich am Ozeanboden zurechtzufinden. Um dies zu beweisen, hat man Langusten gefangen und 16 Kilometer entfernt wieder freigelassen. Sie konnten problemlos ihre Heimat wiederfinden.
Bei diesen Versuchen hat sich herausgestellt, daß sie über einen natürlichen Kompaß verfügen und sogar in der Lage sind, ihren geographischen Aufenthaltsort zu bestimmen. Im Norden Australiens haben Wildhüter Krokodile eingefangen, mit einem GPS-Empfänger versehen und in 126 km Entfernung wieder freigelassen. Sie kehrten innerhalb weniger Tage in ihr Heimatrevier zurück.GralsWelt: Albert Einstein wird der Ausspruch zugeschrieben: „Sterben die Bienen aus, stirbt auch der Mensch.“ Bienen übernehmen ja zentrale Funktionen im gesamten System der Natur. Können wir auch hinsichtlich der Orientierung von Bienen lernen?
Past: Der Orientierungssinn der Bienen ist ein lebensnotwendiges Merkmal. Der Münchner Gelehrte Karl von Frisch (1886-1982), der das Nachrichtensystem der Bienen entschlüsselt und dafür 1973 den Nobelpreis erhalten hat, hat festgestellt, daß die Bienen sich nach dem polarisierten Licht der Sonne und nach der Umgebung orientieren.
Sie sind in der Lage, sich abstrakte geometrische Landschaften einzuprägen. Ich bin der Meinung, daß der Mensch bis auf den nicht vorhandenen Magnetsinn dieselben Orientierungsmethoden anwenden kann und soll, damit sein Orientierungssinn nicht noch mehr verkümmert. Es gibt aber auch noch andere Lektionen, die wir von Bienen lernen können. So hat Papst Pius XII. die Bienen als Vorbild für den Menschen hingestellt: „Wenn die Menschen wie die Bienen in Ordnung und in Liebe arbeiteten, lernten sie selbst und lehrten sie auch andere, die Frucht ihrer Mühen auszukosten, den Honig und das Wachs, die Süßigkeit und das Licht im Leben hier unten.“
In einem Bienenstaat, in dem zirka 50.000 Bienen auf engstem Raum leben, herrscht Ordnung, Sauberkeit und Arbeitsteilung. Die Königin regiert nicht, es gibt keine zentrale Stelle, die Weisungen erteilt und kontrolliert. Die Bienen haben die Fähigkeit, die Arbeit Tausender von Artgenossinnen ohne zentrale Autorität zu koordinieren. Sie beherrschen die marktwirtschaftlichen Mechanismen mit einer sozialen Komponente in Idealform. Bei ihnen herrscht ein freundschaftlicher Wettkampf, der auf einer Tanzfläche im Inneren des Bienenstocks ausgetragen wird und als eine Art Stellenbörse fungiert.
Nektarsammlerinnen tanzen enthusiastisch, wenn sie ein ergiebiges Futterfeld entdeckt haben. Dadurch werden die beschäftigungslosen Bienen angeregt mitzuarbeiten, ohne daß sie gezwungen werden müssen. Für Notzeiten wird ein Vorrat angelegt. Die Bienen können sich an die vielen Änderungen, die oft stündlich auftreten, die räumlichen und zeitlichen Umstände anpassen.
Die marktwirtschaftlichen Regeln über Angebot und Nachfrage werden bei ihnen den Bedürfnissen entsprechend angewendet. Anstelle der den Markt regulierenden Preise tritt bei den Bienen die Kommunikation untereinander. Es gibt keinen Neid, keinen Egoismus, keine Eifersucht und keine bevorzugte Behandlung für Leistungen, zum Beispiel für das Auffinden einer sicheren Behausung oder einer ergiebigen Futterquelle.
Wenn man sich zum Vergleich einen Menschenstaat vorstellt: keine Regierung, keine Bonus- und Abfindungszahlungen für besondere Leistungen, keine Einbahnstraßen, keine Verbotsschilder und so weiter. Die Bienen sind der Allgemeinheit verpflichtet. Ihre Entscheidungen erfolgen nach reiflichen Überlegungen. Wenn die Menschen das allgemeine Wohl und nicht nur den Profit im Auge hätten, sähe die Welt heute anders aus.
GralsWelt: Was kann der Mensch denn ganz praktisch vom Orientierungssinn der Tiere lernen und nutzen?
Past: Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich blinde Menschen in der Stadt zurechtfinden und sich orientieren können. Bei Ausfall des Sehvermögens lernen sie nach entsprechender Förderung den verstärkten Einsatz ihrer anderen Sinne. In Kursen lernen sie, wie sie sich durch Raum und Verkehr navigieren und sich an den Wegen orientieren. Sie brauchen Landmarken und müssen im Gedächtnis behalten, wie sie von einer zur nächsten gelangen können. Neben den Blindenhunden ist der weiße Langstock die klassische Navigationshilfe.
So, wie Blinde sich ohne Sehsinn zurechtfinden, sollen auch sehende Menschen alles tun, um ihren Orientierungssinn zu erhalten und zu schärfen. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten: Ich selbst verwende zum Beispiel keine satellitengestützte Navigationshilfe und orientiere mich an den Himmelsrichtungen, die ich mir, wo immer ich auch bin, merke. Vor einer Fahrt in eine fremde Gegend präge ich mir nach einem Blick in eine gute Landkarte die Route im Gedächtnis ein.
Als Landvermesser habe ich dabei vielleicht einige Vorteile. Ich bin der Meinung, daß mit den verschiedenen technischen Navigationshilfen, die es für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger gibt, der Orientierungssinn des Menschen immer mehr verkümmert. Übrigens sollen Untersuchungen an Linkshändern, die zu Rechtshändern umgepolt worden sind, ergeben haben, daß ihr Orientierungssinn sich dadurch verschlechterte.
GralsWelt: Haben wir Menschen früher auch über einen natürlichen Orientierungssinn verfügt, der den Fähigkeiten der Tiere vergleichbar ist und der uns dann abhanden kam?
Past: In der Tat haben sich bei Mensch und Tier im Laufe der Evolution verschiedenartige Organe entwickelt und auch bestimmte Verhaltensweisen, die zur Erhaltung der Art nötig waren. Der Homo sapiens ist im Zuge seiner Entwicklung weit herumgekommen. Den Polynesiern sagt man nach, daß sie als Seefahrer die großartigsten Leistungen vollbracht haben.
Bei ihren Reisen standen ihnen weder Kompaß noch Karten oder Uhren zur Verfügung. Daß es ihnen gelang, wieder nach Hause zurückzukehren, weist auf ein ausgeprägtes Orientierungsvermögen auf dem weiten Meer hin. Jeder Polynesier, der sich auf eine Seereise vorbereitete, war in allen Belangen bestens ausgebildet.
Für den Navigationsunterricht verwendete er „Karten“ aus Hölzchen und Kieselsteinen. Er war in der Lage, jeden nur möglichen Anhaltspunkt in der Natur zu prüfen, seien es Wolken, die Sonne und die Sterne, den Wind, das Wellenmuster des Meeres oder Fischarten und Vögel. Der Kapitän war in der Lage, die jeweilige Position des Schiffes aufgrund des eingeschlagenen Kurses und der zurückgelegten Strecke auch ohne Sichtmarken im Geiste wie auf einer Karte zu verfolgen. Die Kenntnisse über die Navigation hat man jeweils an die nächste Generation weitergegeben. Von den australischen Urbewohnern, den Aborigines, ist bekannt, daß sie bei ihren Wanderungen lineare Sichtpeilungen anwenden und Lieder singen, deren Verse die Abfolge bestimmter Richtungen und Landmarken aussagen.
In der weiteren Entwicklung hat der Mensch immer nach besseren Hilfsmitteln für seine Orientierung gesucht: Kompaß, Landkarten, den Sextanten auf Seereisen, Wegweiser und schließlich das Global Position-ing System (GPS) zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Der natürliche menschliche Orientierungssinn wird heute leider nicht mehr benötigt.
GralsWelt: Herr Dr. Past, danke für dieses Gespräch – und weiterhin viel Erfolg bei Ihren Forschungsarbeiten!
GralsWelt: Herr Dr. Past, wie kommt ein Vermessungsingenieur dazu, sich mit ornithologischen Fragen und mit dem Orientierungsverhalten von Tieren zu befassen?
Past: Als Landvermesser habe ich im Ruhestand endlich Zeit und Muße, mich Fachgebieten zu widmen, die am Rande des Vermessungswesens liegen. Zu dem Thema kam ich durch Zufall, als ich in der Zeitschrift „Science“ einen Artikel las, der sich mit der Orientierung von Wüstenameisen befaßte. Wissenschaftlern war es erstmals gelungen nachzuweisen, daß die Ameisen sowohl die Richtung erkennen als auch Schritte zählen können. Als Geodät haben mich diese Versuche natürlich fasziniert, weil auch Landvermesser Richtung und Entfernung für ihre Arbeit brauchen.
GralsWelt: Welchen Einfluß haben das Erdmagnetfeld und künstliche Magnetfelder auf Vögel?
Past: Das Erdmagnetfeld umhüllt die Erde wie ein unsichtbares Schild und hat seine Ursache in der Eisenschmelze im Erdkern. Die magnetischen Feldlinien verlaufen am Äquator nahezu parallel zur Erdoberfläche. Sie treten am Nordpol fast senkrecht in das Erdinnere ein und am Südpol wieder heraus. Die Intensität des Magnetfeldes kann mit hochempfindlichen Instrumenten gemessen werden.
Man hat zum Beispiel herausgefunden, daß sich die Rotkehlchen beim Vogelzug mit Hilfe des rechten Auges am Magnetfeld der Erde orientieren können. Wenn man ihnen das rechte Auge abdeckt, sind sie unter den Versuchsbedingungen völlig orientierungslos. Klebt man dagegen das linke Auge zu, fliegen sie korrekt wie mit zwei offenen Augen. Daraus folgert man, daß die Rotkehlchen in der Lage sind, das Magnetfeld der Erde zu scannen und wahrzunehmen.
In der Netzhaut der Gartengrasmücke hat man Cryptochrom-Moleküle gefunden, mit denen sie das Magnetfeld der Erde „sehen“ kann. Bei Brieftauben soll der innere Kompaß im Schnabel verankert sein. In der Haut des oberen Schnabels befinden sich Nervenzellen, in deren Verzweigungen eisenhaltige Partikel der Verbindungen Maghemit und Magnetit enthalten sind. Die Verzweigungen wirken in ihrem dreidimensionalen Muster wie ein dreiachsiges Magnetometer, das die Richtung des Magnetfeldes in allen drei räumlichen Dimensionen umfaßt. Magnetit ist übrigens ein Material, aus dem Kompaßnadeln hergestellt werden.
Wissenschaftler haben den Flug von Nachtigalldrosseln von Süd- nach Nordamerika beobachtet. Dabei hat man die Forschungsvögel kurzfristig in einen Käfig eingesperrt und mit einem manipulierten und um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn gedrehten Magnetfeld konfrontiert. Nach Einbruch der Dämmerung hat man sie wieder in die Freiheit entlassen.
Um ihren Weg verfolgen zu können, wurden winzige Sender auf ihren Rücken befestigt. Die Vögel reagierten allesamt gleichartig: Sie flogen in eine um 90 Grad gedrehte Richtung, also nach Westen statt nach Norden. Offensichtlich haben sie ihren Magnetkompaß auf den neuen Kurs justiert. Darüber hinaus hat man herausgefunden, daß die Nachtigalldrosseln während der Dämmerung die Fehlinformation wieder löschen, ihren Kompaß neu justieren und am nächsten Tag wieder auf dem richtigen Kurs nach Norden fliegen. Auch Brieftauben verwenden bei ihrem Rückflug über mehrere tausend Kilometer das Erdmagnetfeld für die Navigation.
GralsWelt: Ist es auch für uns Menschen möglich, das Magnetfeld irgendwie zu spüren – ohne technische Hilfsmittel?
Past: Mir sind Untersuchungen bekannt, nach denen Menschen die Himmelsrichtung wissen, auch wenn man ihnen Augen und Ohren verhüllt und sie auf einem Stuhl im Kreis gedreht hat. Umgibt man sie mit elektromagnetischen Spulen und wird damit ein künstliches Magnetfeld erzeugt, sollen sie die Orientierung zum Teil verloren haben. Es ist allerdings sehr umstritten, ob der Mensch tatsächlich das Magnetfeld der Erde spüren kann. Man soll zwar im Gehirn einige Kristalle von Magneteisenstein entdeckt haben, diese Mengen dürften allerdings zu gering sein, um als Navigationssystem zu dienen.
GralsWelt: Nutzen außer Vögeln auch andere Tiere das Erdmagnetfeld?
Past: Bei einer Anzahl von tierischen Organismen ist der Einfluß der magnetischen Felder hinsichtlich der Orientierung im Raum untersucht worden. Von Insekten wird berichtet, daß sie sich bevorzugt in Nord-Süd- oder Ost-West-Richtung einstellen. Termiten richten sich bei der Errichtung ihrer keilförmigen Bauten nach dem Erdmagnetfeld. Der Einfluß der Magnetfeldrichtung ist auch beim Wabenbau der Honigbienen zu erkennen.
Wenn die Feldrichtung um 40 Grad gedreht wird, ändern sie die Orientierung der Wabe ebenfalls um 40 Grad. Haie lassen sich durch künstliche Magnetfelder in ihrem Orientierungsvermögen beeinflussen. Wenn sie orientierungslos stranden, führt man dieses Fehlverhalten auf elektromagnetische Strahlen zurück, also durch Sender erzeugte elektromagnetische Schwingungen. Graumulle sind blind und leben unter der Erde. In ihrem Gehirn hat man verstärkte magnetische Reize nachgewiesen. Auch sie reagieren auf künstlich veränderte Magnetfelder.
Zu den Lebewesen mit Magnetfeldorientierung gehören auch gewisse Bakterien, Schnecken, Fische, Meeresschildkröten, Wanderameisen und viele andere mehr. Bei Lachsen und Regenbogenforellen hat man festgestellt, daß sich die magnetithaltigen Zellen, die auf Magnetreize reagieren, in der Nasengrube befinden.
Untersuchungen haben ergeben, daß auch Langusten über einen Orientierungssinn verfügen, der es ihnen gestattet, sich am Ozeanboden zurechtzufinden. Um dies zu beweisen, hat man Langusten gefangen und 16 Kilometer entfernt wieder freigelassen. Sie konnten problemlos ihre Heimat wiederfinden.
Bei diesen Versuchen hat sich herausgestellt, daß sie über einen natürlichen Kompaß verfügen und sogar in der Lage sind, ihren geographischen Aufenthaltsort zu bestimmen. Im Norden Australiens haben Wildhüter Krokodile eingefangen, mit einem GPS-Empfänger versehen und in 126 km Entfernung wieder freigelassen. Sie kehrten innerhalb weniger Tage in ihr Heimatrevier zurück.GralsWelt: Albert Einstein wird der Ausspruch zugeschrieben: „Sterben die Bienen aus, stirbt auch der Mensch.“ Bienen übernehmen ja zentrale Funktionen im gesamten System der Natur. Können wir auch hinsichtlich der Orientierung von Bienen lernen?
Past: Der Orientierungssinn der Bienen ist ein lebensnotwendiges Merkmal. Der Münchner Gelehrte Karl von Frisch (1886-1982), der das Nachrichtensystem der Bienen entschlüsselt und dafür 1973 den Nobelpreis erhalten hat, hat festgestellt, daß die Bienen sich nach dem polarisierten Licht der Sonne und nach der Umgebung orientieren.
Sie sind in der Lage, sich abstrakte geometrische Landschaften einzuprägen. Ich bin der Meinung, daß der Mensch bis auf den nicht vorhandenen Magnetsinn dieselben Orientierungsmethoden anwenden kann und soll, damit sein Orientierungssinn nicht noch mehr verkümmert. Es gibt aber auch noch andere Lektionen, die wir von Bienen lernen können. So hat Papst Pius XII. die Bienen als Vorbild für den Menschen hingestellt: „Wenn die Menschen wie die Bienen in Ordnung und in Liebe arbeiteten, lernten sie selbst und lehrten sie auch andere, die Frucht ihrer Mühen auszukosten, den Honig und das Wachs, die Süßigkeit und das Licht im Leben hier unten.“
In einem Bienenstaat, in dem zirka 50.000 Bienen auf engstem Raum leben, herrscht Ordnung, Sauberkeit und Arbeitsteilung. Die Königin regiert nicht, es gibt keine zentrale Stelle, die Weisungen erteilt und kontrolliert. Die Bienen haben die Fähigkeit, die Arbeit Tausender von Artgenossinnen ohne zentrale Autorität zu koordinieren. Sie beherrschen die marktwirtschaftlichen Mechanismen mit einer sozialen Komponente in Idealform. Bei ihnen herrscht ein freundschaftlicher Wettkampf, der auf einer Tanzfläche im Inneren des Bienenstocks ausgetragen wird und als eine Art Stellenbörse fungiert.
Nektarsammlerinnen tanzen enthusiastisch, wenn sie ein ergiebiges Futterfeld entdeckt haben. Dadurch werden die beschäftigungslosen Bienen angeregt mitzuarbeiten, ohne daß sie gezwungen werden müssen. Für Notzeiten wird ein Vorrat angelegt. Die Bienen können sich an die vielen Änderungen, die oft stündlich auftreten, die räumlichen und zeitlichen Umstände anpassen.
Die marktwirtschaftlichen Regeln über Angebot und Nachfrage werden bei ihnen den Bedürfnissen entsprechend angewendet. Anstelle der den Markt regulierenden Preise tritt bei den Bienen die Kommunikation untereinander. Es gibt keinen Neid, keinen Egoismus, keine Eifersucht und keine bevorzugte Behandlung für Leistungen, zum Beispiel für das Auffinden einer sicheren Behausung oder einer ergiebigen Futterquelle.
Wenn man sich zum Vergleich einen Menschenstaat vorstellt: keine Regierung, keine Bonus- und Abfindungszahlungen für besondere Leistungen, keine Einbahnstraßen, keine Verbotsschilder und so weiter. Die Bienen sind der Allgemeinheit verpflichtet. Ihre Entscheidungen erfolgen nach reiflichen Überlegungen. Wenn die Menschen das allgemeine Wohl und nicht nur den Profit im Auge hätten, sähe die Welt heute anders aus.
GralsWelt: Was kann der Mensch denn ganz praktisch vom Orientierungssinn der Tiere lernen und nutzen?
Past: Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich blinde Menschen in der Stadt zurechtfinden und sich orientieren können. Bei Ausfall des Sehvermögens lernen sie nach entsprechender Förderung den verstärkten Einsatz ihrer anderen Sinne. In Kursen lernen sie, wie sie sich durch Raum und Verkehr navigieren und sich an den Wegen orientieren. Sie brauchen Landmarken und müssen im Gedächtnis behalten, wie sie von einer zur nächsten gelangen können. Neben den Blindenhunden ist der weiße Langstock die klassische Navigationshilfe.
So, wie Blinde sich ohne Sehsinn zurechtfinden, sollen auch sehende Menschen alles tun, um ihren Orientierungssinn zu erhalten und zu schärfen. Dazu gibt es mehrere Möglichkeiten: Ich selbst verwende zum Beispiel keine satellitengestützte Navigationshilfe und orientiere mich an den Himmelsrichtungen, die ich mir, wo immer ich auch bin, merke. Vor einer Fahrt in eine fremde Gegend präge ich mir nach einem Blick in eine gute Landkarte die Route im Gedächtnis ein.
Als Landvermesser habe ich dabei vielleicht einige Vorteile. Ich bin der Meinung, daß mit den verschiedenen technischen Navigationshilfen, die es für Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger gibt, der Orientierungssinn des Menschen immer mehr verkümmert. Übrigens sollen Untersuchungen an Linkshändern, die zu Rechtshändern umgepolt worden sind, ergeben haben, daß ihr Orientierungssinn sich dadurch verschlechterte.
GralsWelt: Haben wir Menschen früher auch über einen natürlichen Orientierungssinn verfügt, der den Fähigkeiten der Tiere vergleichbar ist und der uns dann abhanden kam?
Past: In der Tat haben sich bei Mensch und Tier im Laufe der Evolution verschiedenartige Organe entwickelt und auch bestimmte Verhaltensweisen, die zur Erhaltung der Art nötig waren. Der Homo sapiens ist im Zuge seiner Entwicklung weit herumgekommen. Den Polynesiern sagt man nach, daß sie als Seefahrer die großartigsten Leistungen vollbracht haben.
Bei ihren Reisen standen ihnen weder Kompaß noch Karten oder Uhren zur Verfügung. Daß es ihnen gelang, wieder nach Hause zurückzukehren, weist auf ein ausgeprägtes Orientierungsvermögen auf dem weiten Meer hin. Jeder Polynesier, der sich auf eine Seereise vorbereitete, war in allen Belangen bestens ausgebildet.
Für den Navigationsunterricht verwendete er „Karten“ aus Hölzchen und Kieselsteinen. Er war in der Lage, jeden nur möglichen Anhaltspunkt in der Natur zu prüfen, seien es Wolken, die Sonne und die Sterne, den Wind, das Wellenmuster des Meeres oder Fischarten und Vögel. Der Kapitän war in der Lage, die jeweilige Position des Schiffes aufgrund des eingeschlagenen Kurses und der zurückgelegten Strecke auch ohne Sichtmarken im Geiste wie auf einer Karte zu verfolgen. Die Kenntnisse über die Navigation hat man jeweils an die nächste Generation weitergegeben. Von den australischen Urbewohnern, den Aborigines, ist bekannt, daß sie bei ihren Wanderungen lineare Sichtpeilungen anwenden und Lieder singen, deren Verse die Abfolge bestimmter Richtungen und Landmarken aussagen.
In der weiteren Entwicklung hat der Mensch immer nach besseren Hilfsmitteln für seine Orientierung gesucht: Kompaß, Landkarten, den Sextanten auf Seereisen, Wegweiser und schließlich das Global Position-ing System (GPS) zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Der natürliche menschliche Orientierungssinn wird heute leider nicht mehr benötigt.
GralsWelt: Herr Dr. Past, danke für dieses Gespräch – und weiterhin viel Erfolg bei Ihren Forschungsarbeiten!
Autor: Tobias Kunst
