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GralsWelt 69/2012

Geistig, nicht göttlich!

Immer wieder begegnet mir die Ansicht, daß der Mensch göttlich sei. Ein göttliches Wesen, direkt abstammend von Gott. Von unserer „Göttlichkeit“ sprechen viele Heiler, Medien und Meister der verschiedenen Richtungen. Gott wäre demnach in jeder Blume, jedem Stein – und auch im Menschen selbst. Ich würde wahrscheinlich selbst daran glauben, wäre ich nicht eines Tages auf das Werk „Im Lichte der Wahrheit“ gestoßen, das in logischer und überzeugender Weise die Schöpfung erklärt – und dabei auch darlegt, weshalb wir geistiger und nicht göttlicher Art sind. –

Jahrhundertelang nahm der Mensch fast alles unwidersprochen, oft auch stumpfsinnig hin, was ihm seitens Kirche und Staat verordnet wurde. Wer sich einmal eingehender mit den kirchlichen Gebräuchen der vergangenen Jahrhunderte beschäftigt hat, dem kann es grausen vor der geistigen Versklavung, der Millionen von Menschen ausgesetzt gewesen sind.

Geradezu grotesk mutet es zum Beispiel an, wenn im 18. und 19. Jahrhundert auf Sklavenschiffen unbedingt die täglich vorgeschriebenen Gebete gemeinsam gesprochen werden mußten und der Kapitän um einen „glücklichen Ausgang der Fahrt“ bat, also auf Gewinn hoffte, gleichzeitig jedoch unvorstellbare Greueltaten an Wehrlosen vorgenommen wurden. Wo blieb da die innere Stimme des Geistes, des Gemüts, des Gewissens?

Der Mensch glaubte, sich durch Heiligenverehrung, Reliquien, Ablaßzahlungen, Gebete und Sakramente einen Platz im Himmel zu sichern, aber sein tägliches Tun war nur auf Materielles ausgerichtet. Nach dem Sinn des Lebens zu forschen kam ihm nicht in den Sinn. Glauben hieß die Devise. Blind glauben und auf Gottes „Führung“ hoffen.

Die Naturwissenschaften wagten es dann, aus dieser Blindgläubigkeit auszuscheren und mit Hilfe von Experimenten nach Wahrheit zu suchen. Leider blieben die Wissenschaften aber an der Grenze des materiell Faßbaren stehen; zu groß war der Schaden, den die Theologen mit ihren Lehren von Dämonen und vom leibhaftigen Teufel und mit ihren bildhaften Darstellungen von Gott, Himmel und Hölle angerichtet hatten. Zum Beispiel veröffentlichte der Amsterdamer Pastor Balthasar Bekker Ende des 17. Jahrhunderts sein gegen die Hexenverbrennungen gerichtetes Werk „Die bezauberte Welt“, worin er sinngemäß erklärte, daß alles Unsichtbare Lug und Trug sei. Solche Ansichten entfachten Stürme der Entrüstung. Wer es wagte, aus dem herrschenden Weltbild auszubrechen, wurde als Atheist und Naturalist beschimpft und verfolgt. Das Postament war jedoch gelegt, in der westlichen, abendländischen Welt traten die Naturwissenschaften ihren Siegeszug an. Einen Höhepunkt erreichte dieser mit dem jüngst erschienen Buch von Stephen Hawking, „Der große Entwurf“, worin der Physiker rechnerisch nachweist, daß das Universum aus sich selbst heraus entstanden sei und sich durch Naturgesetze alleine regieren kann.

Und gerade heute, wo Materialismus und Atheismus so unübersehbar um sich greifen, wähnen viele Menschen, bestärkt durch zahllose kleine und große „Meister“, pseudo-esoterische Vorstellungen oder östliche Lehren, Göttliches in sich zu tragen. Gerade auf dem Höhepunkt des Materialismus, den viele Soziologen als eine „narzißtische Epoche“ bezeichnen, da sich die Menschen unserer Gesellschaft heute wie noch nie vor der Allgemeinheit entblößen und Intimes preisgeben, gerade in dieser Zeit wird mehr denn je vom „göttlichen Kern“ des Menschen gesprochen.

Zum einen hat das sicher damit zu tun, daß den meisten Menschen heute die Ehrfurcht vor allem wirklich Heiligen, Göttlichen fehlt. Der Verstand kann diese Begriffe nicht einordnen. Zum anderen ist der Begriff „Gott“ längst zu einem inflationären Wort geworden, zu einem Satzfüllsel oder einer 'wegwerfenden' Bemerkung, gedankenlos dahingesprochen. Weil der Bezug zum Göttlichen also weitgehend fehlt, wozu natürlich auch das materialistische Weltbild beiträgt, verwundert es nicht, daß manche Menschen tatsächlich wähnen, Gott selbst in sich zu tragen oder göttlich werden zu können, nur weil sie vielleicht eine Ahnung davon erlangt haben, daß sich das Menschsein nicht im Verstandesmäßigen erschöpft, daß unser Wesenskern etwas Lebendiges, Machtvolles ist, das willentlich gestaltend in die Welt einwirken kann. Doch dieser Kern wäre mit „geistig“ viel treffender bezeichnet.

Abd-ru-shin, der Verfasser des Werkes „Im Lichte der Wahrheit“, schrieb:

„Auf meinen Reisen konnte ich erkennen, daß eine Brandfackel unter die trägen Menschengeister flog mit meinem Wort, welches erklärt, daß kein Mensch Göttliches sein eigen nennen kann, während gerade jetzt vieles Bemühen dahin geht, Gott in sich zu entdecken, und damit zuletzt auch selbst zum Gott zu werden!“ (Vortrag „Was trennt so viele Menschen heute von dem Licht?“)

Und an anderer Stelle:

„Zerrissenheit liegt in den Anschauungen, die den Wesenskern der Menschen klären wollen. Das ist die Folge des krankhaften Größenwahns der Erdenbürger, die sich vermessen rühmen, ihr Wesenskern sei göttlich!

Seht Euch die Menschen an! Könnt Ihr denn Göttliches in ihnen finden? Die törichte Behauptung müßte man als Gotteslästerung bezeichnen, da sie Herabzerrung des Göttlichen bedeutet.

Der Mensch trägt nicht ein Stäubchen Göttliches in sich!

Die Anschauung ist lediglich krankhafte Überhebung, die als Ursache nur das Bewußtsein eines Nichtverstehenkönnens hat. Wo ist der Mensch, der ehrlich sagen kann, daß ihm ein solcher Glaube auch zur Überzeugung wurde? Wer ernsthaft in sich geht, muß es verneinen. Er fühlt genau, daß es nur Sehnsucht, Wunsch ist, Göttliches in sich zu tragen, aber nicht Gewißheit! Man spricht ganz richtig von einem Gottesfunken, den der Mensch in sich trägt. Dieser Funke Gottes ist aber Geist! Er ist nicht ein Stück der Göttlichkeit.

Der Ausdruck Funke ist eine ganz richtige Bezeichnung. Ein Funke entwickelt sich und sprüht aus, ohne etwas von der Beschaffenheit des Erzeugers mitzunehmen oder in sich zu tragen. So auch hier. Ein Gottesfunke ist nicht selbst göttlich.

Wo solche Fehler schon im Hinblick auf den Ursprung eines Seins zu finden sind, dort muß Versagen in dem ganzen Werden kommen! Habe ich auf falschen Grund gebaut, muß einst der ganze Bau ins Wanken und zum Stürzen kommen.

Gibt doch der Ursprung Halt fürs ganze Sein und Werden eines jeden!“ (Vortrag „Irrungen“)

Es geht also darum, das Geistige in uns zu fördern, wobei mit Geist nicht der körperliche Verstand, sondern der immaterielle Wesenskern des Menschen gemeint ist. „Werdet geistig!“ lautet eine der zentralen Wegweisungen Abd-ru-shins. Wir Menschen sind Kreaturen, wir müssen uns in den Willen Gottes, gleichbedeutend mit den Naturgesetzen, einfügen, wenn wir Frieden und Freude erleben wollen. Wir sind nicht Gott, haben die Schöpfung nicht erschaffen, sondern können sie lediglich, gemäß unserer geistigen Art, erkennen und kreativ mitgestalten. Wir tragen selbst nichts Göttliches in uns, aber unser Geist kann bewußt aufbauend in der Schöpfung wirken und sich so dem Willen Gottes verbinden.

Leider haben wir uns mit der Hinwendung zum Materialismus vom geistigen Wirken und auch von einer ganzheitlichen Weltsicht immer weiter entfernt. Die einstmals universellen Wissenschaften wurden abgespalten in viele, viele Teilbereiche, wo Forscher zwar die Details, aber nicht mehr das große Ganze erkennen können. Der Volksmund sagt es treffend: Sie sehen „den Wald vor lauter Bäumen nicht“. Wir erkennen, daß die Naturgesetze unumstößlich wirken, aber Gott – der „Gesetzgeber“ – kommt in der Schulwissenschaft nicht mehr vor, und zur uralten biblischen Überlieferung, daß es Gott war, der „alles nach Maß und Zahl“ geordnet hat (Weisheit 11, 20), haben wir den Bezug verloren.

Gotterkenntnis bedingt ein waches Empfinden für das Hohe, Heilige, das wesenlos über allem Geschaffenen wirkt. Und die richtige Selbsterkenntnis sollte uns vor irrtümlichen Ansichten bewahren, die leichtfertig von der „Göttlichkeit“ des Menschen sprechen.


Jahrhundertelang nahm der Mensch fast alles unwidersprochen, oft auch stumpfsinnig hin, was ihm seitens Kirche und Staat verordnet wurde. Wer sich einmal eingehender mit den kirchlichen Gebräuchen der vergangenen Jahrhunderte beschäftigt hat, dem kann es grausen vor der geistigen Versklavung, der Millionen von Menschen ausgesetzt gewesen sind.

Geradezu grotesk mutet es zum Beispiel an, wenn im 18. und 19. Jahrhundert auf Sklavenschiffen unbedingt die täglich vorgeschriebenen Gebete gemeinsam gesprochen werden mußten und der Kapitän um einen „glücklichen Ausgang der Fahrt“ bat, also auf Gewinn hoffte, gleichzeitig jedoch unvorstellbare Greueltaten an Wehrlosen vorgenommen wurden. Wo blieb da die innere Stimme des Geistes, des Gemüts, des Gewissens?

Der Mensch glaubte, sich durch Heiligenverehrung, Reliquien, Ablaßzahlungen, Gebete und Sakramente einen Platz im Himmel zu sichern, aber sein tägliches Tun war nur auf Materielles ausgerichtet. Nach dem Sinn des Lebens zu forschen kam ihm nicht in den Sinn. Glauben hieß die Devise. Blind glauben und auf Gottes „Führung“ hoffen.

Die Naturwissenschaften wagten es dann, aus dieser Blindgläubigkeit auszuscheren und mit Hilfe von Experimenten nach Wahrheit zu suchen. Leider blieben die Wissenschaften aber an der Grenze des materiell Faßbaren stehen; zu groß war der Schaden, den die Theologen mit ihren Lehren von Dämonen und vom leibhaftigen Teufel und mit ihren bildhaften Darstellungen von Gott, Himmel und Hölle angerichtet hatten. Zum Beispiel veröffentlichte der Amsterdamer Pastor Balthasar Bekker Ende des 17. Jahrhunderts sein gegen die Hexenverbrennungen gerichtetes Werk „Die bezauberte Welt“, worin er sinngemäß erklärte, daß alles Unsichtbare Lug und Trug sei. Solche Ansichten entfachten Stürme der Entrüstung. Wer es wagte, aus dem herrschenden Weltbild auszubrechen, wurde als Atheist und Naturalist beschimpft und verfolgt. Das Postament war jedoch gelegt, in der westlichen, abendländischen Welt traten die Naturwissenschaften ihren Siegeszug an. Einen Höhepunkt erreichte dieser mit dem jüngst erschienen Buch von Stephen Hawking, „Der große Entwurf“, worin der Physiker rechnerisch nachweist, daß das Universum aus sich selbst heraus entstanden sei und sich durch Naturgesetze alleine regieren kann.

Und gerade heute, wo Materialismus und Atheismus so unübersehbar um sich greifen, wähnen viele Menschen, bestärkt durch zahllose kleine und große „Meister“, pseudo-esoterische Vorstellungen oder östliche Lehren, Göttliches in sich zu tragen. Gerade auf dem Höhepunkt des Materialismus, den viele Soziologen als eine „narzißtische Epoche“ bezeichnen, da sich die Menschen unserer Gesellschaft heute wie noch nie vor der Allgemeinheit entblößen und Intimes preisgeben, gerade in dieser Zeit wird mehr denn je vom „göttlichen Kern“ des Menschen gesprochen.

Zum einen hat das sicher damit zu tun, daß den meisten Menschen heute die Ehrfurcht vor allem wirklich Heiligen, Göttlichen fehlt. Der Verstand kann diese Begriffe nicht einordnen. Zum anderen ist der Begriff „Gott“ längst zu einem inflationären Wort geworden, zu einem Satzfüllsel oder einer 'wegwerfenden' Bemerkung, gedankenlos dahingesprochen. Weil der Bezug zum Göttlichen also weitgehend fehlt, wozu natürlich auch das materialistische Weltbild beiträgt, verwundert es nicht, daß manche Menschen tatsächlich wähnen, Gott selbst in sich zu tragen oder göttlich werden zu können, nur weil sie vielleicht eine Ahnung davon erlangt haben, daß sich das Menschsein nicht im Verstandesmäßigen erschöpft, daß unser Wesenskern etwas Lebendiges, Machtvolles ist, das willentlich gestaltend in die Welt einwirken kann. Doch dieser Kern wäre mit „geistig“ viel treffender bezeichnet.

Abd-ru-shin, der Verfasser des Werkes „Im Lichte der Wahrheit“, schrieb:

„Auf meinen Reisen konnte ich erkennen, daß eine Brandfackel unter die trägen Menschengeister flog mit meinem Wort, welches erklärt, daß kein Mensch Göttliches sein eigen nennen kann, während gerade jetzt vieles Bemühen dahin geht, Gott in sich zu entdecken, und damit zuletzt auch selbst zum Gott zu werden!“ (Vortrag „Was trennt so viele Menschen heute von dem Licht?“)

Und an anderer Stelle:

„Zerrissenheit liegt in den Anschauungen, die den Wesenskern der Menschen klären wollen. Das ist die Folge des krankhaften Größenwahns der Erdenbürger, die sich vermessen rühmen, ihr Wesenskern sei göttlich!

Seht Euch die Menschen an! Könnt Ihr denn Göttliches in ihnen finden? Die törichte Behauptung müßte man als Gotteslästerung bezeichnen, da sie Herabzerrung des Göttlichen bedeutet.

Der Mensch trägt nicht ein Stäubchen Göttliches in sich!

Die Anschauung ist lediglich krankhafte Überhebung, die als Ursache nur das Bewußtsein eines Nichtverstehenkönnens hat. Wo ist der Mensch, der ehrlich sagen kann, daß ihm ein solcher Glaube auch zur Überzeugung wurde? Wer ernsthaft in sich geht, muß es verneinen. Er fühlt genau, daß es nur Sehnsucht, Wunsch ist, Göttliches in sich zu tragen, aber nicht Gewißheit! Man spricht ganz richtig von einem Gottesfunken, den der Mensch in sich trägt. Dieser Funke Gottes ist aber Geist! Er ist nicht ein Stück der Göttlichkeit.

Der Ausdruck Funke ist eine ganz richtige Bezeichnung. Ein Funke entwickelt sich und sprüht aus, ohne etwas von der Beschaffenheit des Erzeugers mitzunehmen oder in sich zu tragen. So auch hier. Ein Gottesfunke ist nicht selbst göttlich.

Wo solche Fehler schon im Hinblick auf den Ursprung eines Seins zu finden sind, dort muß Versagen in dem ganzen Werden kommen! Habe ich auf falschen Grund gebaut, muß einst der ganze Bau ins Wanken und zum Stürzen kommen.

Gibt doch der Ursprung Halt fürs ganze Sein und Werden eines jeden!“ (Vortrag „Irrungen“)

Es geht also darum, das Geistige in uns zu fördern, wobei mit Geist nicht der körperliche Verstand, sondern der immaterielle Wesenskern des Menschen gemeint ist. „Werdet geistig!“ lautet eine der zentralen Wegweisungen Abd-ru-shins. Wir Menschen sind Kreaturen, wir müssen uns in den Willen Gottes, gleichbedeutend mit den Naturgesetzen, einfügen, wenn wir Frieden und Freude erleben wollen. Wir sind nicht Gott, haben die Schöpfung nicht erschaffen, sondern können sie lediglich, gemäß unserer geistigen Art, erkennen und kreativ mitgestalten. Wir tragen selbst nichts Göttliches in uns, aber unser Geist kann bewußt aufbauend in der Schöpfung wirken und sich so dem Willen Gottes verbinden.

Leider haben wir uns mit der Hinwendung zum Materialismus vom geistigen Wirken und auch von einer ganzheitlichen Weltsicht immer weiter entfernt. Die einstmals universellen Wissenschaften wurden abgespalten in viele, viele Teilbereiche, wo Forscher zwar die Details, aber nicht mehr das große Ganze erkennen können. Der Volksmund sagt es treffend: Sie sehen „den Wald vor lauter Bäumen nicht“. Wir erkennen, daß die Naturgesetze unumstößlich wirken, aber Gott – der „Gesetzgeber“ – kommt in der Schulwissenschaft nicht mehr vor, und zur uralten biblischen Überlieferung, daß es Gott war, der „alles nach Maß und Zahl“ geordnet hat (Weisheit 11, 20), haben wir den Bezug verloren.

Gotterkenntnis bedingt ein waches Empfinden für das Hohe, Heilige, das wesenlos über allem Geschaffenen wirkt. Und die richtige Selbsterkenntnis sollte uns vor irrtümlichen Ansichten bewahren, die leichtfertig von der „Göttlichkeit“ des Menschen sprechen.



Autor: Corinna Hübener

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Corinna Hübener

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