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„Mehr Licht!“

Zum 175. Todestag von Johann Wolfgang von Goethe

Ein Beitrag von Dr. Christian Baur.
Autor: Dr. Christian Baur
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Als Goethe am 22. März 1832 gegen halb zwölf Uhr mittags im Lehnstuhl seines Weimarer Hauses Am Frauenplan sanft einschlief, soll er zuletzt noch gesagt haben: „Mehr Licht!“(1) Diese Äußerung ist – wie alles, was große Menschen persönlich betrifft –, umstritten. Während die einen meinten – von der Version in hessischer Mundart einmal abgesehen –, Goethe habe nur gewünscht, es möge ein zweiter Fensterladen geöffnet werden, damit mehr Licht hereinkomme, deuteten andere dieses Wort im Zusammenhang mit Person und Werk. Im Grunde passen beide Auffassungen zu Goethe, denn einerseits war der Dichter ein ganz gesunder Realist, zum anderen erreichte er bisher unentdeckte geistige Höhen, die ein Lichterlebnis der anderen Art durchaus einschließen!

So heißt es im 15. Kapitel des dritten Buches von Wilhelm Meisters Wanderjahren über die „geheimnisvolle Ursybille“(2) Makarie: „… sie scheint nur geboren, um sich von dem Irdischen zu entbinden, um die nächsten und fernsten Räume des Daseins zu durchdringen. (…) Sie erinnert sich von klein auf, ihr inneres Selbst als von leuchtendem Wesen durchdrungen, von einem Licht erhellt, welchem sogar das hellste Sonnenlicht nichts anhaben konnte.“

Nun klingt diese Beschreibung einer weisen Frau, die an anderer Stelle gar einem Stern verglichen wird, reichlich esoterisch. Doch Goethe will sich nicht in solchen – letztlich unverbindlichen – Welten verlieren, sondern allein eine höhere Inspirationsquelle anschlagen, um die Gesellschaft, die hier im Mittelpunkt der Betrachtung steht, einem vernünftigen, wohltätigen Zweck entgegenzuführen. Wie sich die Hauptfigur, Wilhelm Meister, vom Schauspieler zum Wundarzt wandelt, soll für jeden eine sinnvolle praktische Tätigkeit gefunden werden. Die Verwirrung der menschlichen Leidenschaften – um sie kreisen viele eingestreute Novellen – soll sich klären und die Entsagenden zu eigentlicher Menschlichkeit führen. Goethe entwickelt hier, am Beginn des 19. Jahrhunderts – schon breitet sich die Industrie mit ihrem neuen Begriff des Kapitals aus und bedroht das alte behäbige Handwerk – die Utopie einer „Arbeit ohne Entfremdung“(3), einer Freude an umfassender Tätigkeit. Diejenigen, die nicht die Kraft finden, dies im alten Europa zu verwirklichen, sollen nach Amerika auswandern.

So ist im 9. Kapitel des dritten Buches das Folgende zu lesen: „Man hat gesagt und wiederholt: ¸Wo mir's wohl geht, ist mein Vaterland!‘; doch wäre dieser tröstliche Spruch noch besser ausgedrückt, wenn es hieße: ¸Wo ich nütze, ist mein Vaterland!‘ Zu Hause kann einer unnütz sein, ohne daß es eben sogleich bemerkt wird; außen in der Welt ist der Unnütze gar bald offenbar. Wenn ich nun sage: ¸Trachte jeder, überall sich und andern zu nutzen!‘, so ist dies nicht etwa Lehre noch Rat, sondern der Ausspruch des Lebens selbst.

Nun beschaue man den Erdball und lasse das Meer vorerst unbeachtet, man lasse sich von dem Schiffsgewimmel nicht mit fortreißen und hefte den Blick auf das feste Land und staune, wie es mit einem sich wimmelnd durchkreuzenden Ameisengeschlecht übergossen ist. Hiezu hat Gott der Herr selbst Anlaß gegeben, indem er, den babylonischen Turmbau verhindernd, das Menschengeschlecht in alle Welt zerstreute. Lasset uns ihn darum preisen, denn dieser Segen ist auf alle Geschlechter übergegangen.“


Wenig später erklingt dann der Schlußgesang derjenigen, die sich zur Auswanderung bereit gefunden haben:

„Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los.
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.“


Man hat darüber gerätselt, warum es dem alternden Goethe, der so etwas wie das universelle Gedächtnis eines kulturell geprägten Europa darstellte, mit der Amerika-Idee so ernst war. Nun wäre es allerdings die unzulässigste Folgerung, dem großen Dichter unterstellen zu wollen, er habe mit der Kultur Schluß gemacht. Wie verhält es sich denn mit dem alternden Faust, hat er nicht alles an Kunst, Mythologie und Geschichte durchlebt und kümmerte sich gegen Ende doch vor allem darum, dem Meer neues Land abzugewinnen, für ein „freies Volk“ „auf freiem Grund“?

Es gibt bei Goethe nichts um seiner selbst willen, sei es nun seine große Liebe zur Natur oder die zur Kunst! Alles hat ein uns meist unbewußtes Ziel in sich, ist Entelechie, die sich entfalten muß, oft unabhängig von unserem äußeren Wollen und Erkennen. Goethe gehört zu den wenigen Großen, denen solche unbewußten Entwicklungsgesetze bewußt werden konnten. So enden die Wanderjahre nicht – wie Korff schreibt – mit einer Flucht aus der Alten Welt, „sondern mit einer Flucht aus dem Roman in die Welt sowohl einer pädagogischen wie sozialpolitischen Utopie.“(4) Man mag sich hier auch an Fausts Versuch erinnern, den Beginn des Johannesevangeliums neu zu übersetzen: „Im Anfang war die Tat!“

Goethe hat als Dichter und Naturforscher ein so reiches und universelles Werk hinterlassen, daß er denjenigen, die vielleicht noch um die Erfahrung und das Erkennen des reinen, selbstlosen Tätigseins ringen, genügend Aufmunterung und Wegzehrung schenkt.

Auf seinem eigenen Erfahrungsweg war wohl die Erkenntnis des „Stirb-und-Werde“ grundlegend für ihn selbst und sein Werk. So heißt es in dem Gedicht Selige Sehnsucht aus dem West-östlichen Divan:

„Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.“


Goethe wurden diese Zeilen weniger in der Begegnung mit der Kultur des Orients, beziehungsweise mit dem persischen Dichter Mohammed Schemseddin, genannt Hafis (1300–1389) geschenkt – denn er trug die Haltung ständigen Wandels und Fortschreitens ja schon lange in sich – als durch seine Liebe zu der Dichterin Marianne von Willemer (1784–1860). Jene setzte ihn höchsten Gefährdungen aus – „und zuletzt, des Lichts begierig, / bist du Schmetterling verbrannt“ –, bis sie ihn schließlich neuen Ufern entgegentrug. Die Dichterin, die Frau des literarisch ambitionierten Bankiers Johann Jakob Willemer, ging als Suleika nicht nur in Goethes Gedichte ein, von ihr selbst wurden einige berühmte Zeilen in den 1819 publizierten Divan aufgenommen.
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