Die Hinrichtung
Eine bemerkenswerte Parabel von Hermann Hesse
Autor: Dr. Christian Baur

Im Jahre 1915 publizierte Hermann Hesse unter dem Titel „Am Weg“ eine Reihe von Erzählungen, unter denen sich auch die als Parabel bezeichnete „Hinrichtung“ findet. Der sehr knapp gehaltene Text lautet folgendermaßen:
„Der Meister kam mit einigen seiner Jünger auf der Wanderung vom Gebirge herab gegen die Ebene und näherte sich den Mauern einer großen Stadt, vor deren Toren eine große Menge Volks versammelt war. Da sie näher kamen, sahen sie ein Blutgerüst errichtet und die Henker an der Arbeit, einen von Gefängnis und Folter geschwächten Menschen vom Schindkarren zu zerren und zum Richtblocke zu schleppen. Die Volksmenge aber drängte sich um das Schauspiel, verhöhnte und bespie den Verurteilten und sah seiner Enthauptung mit lärmender Freude und Begierde entgegen.
‚Wer ist dieser‘, fragten die Jünger untereinander, ‚und was hat er wohl getan, daß die Menge seinen Tod so wild begehrt? Wir sehen keinen, der Mitleid hätte oder weinte.‘ ‚Ich glaube‘, sprach der Meister traurig, ‚es ist ein Häretiker.‘
Sie gingen weiter und da sie an die Volksmenge stießen, erkundigten sich die Jünger teilnahmsvoll bei den Leuten nach dem Namen und Verbrechen dessen, den sie soeben am Blocke niederknien sahen.
‚Es ist ein Ketzer‘, riefen die Leute zornig, ‚hallo, da senkt er den verfluchten Kopf! Nieder mit ihm! Wahrlich, der Hund hat uns lehren wollen, die Stadt des Paradieses habe nur zwei Tore, und wir wissen doch, daß es zwölfe sind!‘
Verwundert wendeten sich die Jünger zum Meister und fragten:
‚Wie hast du dies erraten können, Meister?‘
Er lächelte und ging weiter.
‚Es war nicht schwer‘, sagte er leise. ‚Wäre er ein Mörder gewesen oder ein Dieb oder ein Verbrecher jeder Art, so hätten wir beim Volk Mitleid und Teilnahme gefunden. Viele hätten geweint, manche seine Unschuld beteuert. – Wer aber einen eigenen Glauben hat, den sieht das Volk ohne Mitleid schlachten, und sein Leichnam wird vor die Hunde geworfen.‘„
Wie geht eine Mehrheit, die sich in einem traditionellen, allgemein anerkannten Glauben beheimatet weiß, mit einer Minderheit um?
Hermann Hesse
Die Erzählung von Hesse schildert zunächst eine gesellschaftliche Gegebenheit: Da geht es darum, wie die Mehrheit, die sich in einem traditionellen, allgemein anerkannten Glauben beheimatet weiß und dies als ihr ausschließliches Verdienst betrachtet, mit einer Minderheit umgeht. Das ist eine psychologische, durch die Geschichte immer wieder bestätigte Realität. Da der Glaube ziemlich äußerlich geblieben ist oder sich zur bloßen Konvention hin entwickelt hat, ist jede Infragestellung ärgerlich und wird entsprechend geahndet. Der Ketzer erlaubt sich Fragen oder Gedanken, die die Glaubensschäfchen in ihrer Selbstzufriedenheit oder ängstlichen Anpassung an den Zeitgeist nie gehabt oder sich – aus Angst vor anderen – wieder abgewöhnt haben. So muß sich diese Mehrheit, die ein seelisch-geistiges Ruhe-sanft gepflegt hat – von den verantwortlichen Ideologen und Einpeitschern einmal ganz abgesehen –, durch Andersdenkende mehr als provoziert fühlen. Denn im Inneren eines jeden Menschen schlummert das Streben nach Bewußtheit, nach Selbstbestimmung!
In die heftige Reaktion der selbstgerechten Mehrheit spielt auch ein Neid-Motiv hinein:
Eigentlich möchte man gerne auch so frei und selbständig sein wie der Verfolgte und bewundert diesen heimlich. Doch in der unbewußten Einsicht, diesen Weg nicht gehen zu können, geschweige denn wirklich zu wollen, entsteht der Impuls, im anderen das eigene schlechte Gewissen zu bekämpfen, ja, für immer zum Schweigen zu bringen.
Soweit diese Geschichte, die wir gerne ausschließlich der Zeit des Mittelalters zuschieben. Hesse nennt jedoch noch einen anderen Aspekt seiner Parabel, der nur so nebenbei erwähnt wird: Da geht es um die Groteske, an welchem Gegenstand sich der Glaubensstreit entzündet hat, um die Bemerkung, wieviel Tore das in der Offenbarung verheißene Himmlische Jerusalem habe! Absurder könnte der Streit nicht sein: Er dreht sich um eine Spezialfrage von allenfalls abstrakt-theologischem Interesse, und die Antwort hat keinerlei Auswirkungen auf das christliche Leben, auf das, wie das Wort des Gottessohnes zu verwirklichen ist. Der Glauben hat sich bereits so von der Wirklichkeit losgelöst – und zwar auch der des Ketzers –, daß sich überhaupt nicht mehr nachvollziehen läßt, wo jetzt das Problem liegt und was hier im besonderen einen Märtyrer auszeichnen soll.
Auf fast gespenstische Weise fühlt man sich hier vom Mittelalter in die Gegenwart versetzt. Heute geht es beileibe nicht nur um Glaubensminderheiten, sondern ebenso um das Gegeneinander der Glaubensblöcke. Relativistische sowie fundamentalistische Tendenzen hier und dort lassen nicht mehr erkennen, wo überhaupt noch die Essenz des jeweiligen Glaubens vorhanden ist. Die westliche Lust- und Spaßgesellschaft weiß zwar nichts mehr vom Paradies oder von den Paradiesestoren, aber sie fühlt sich auf einmal durch und durch christlich, wenn etwa ihr säkularer Freiheits- oder Meinungsfreiheitsbegriff in Frage gestellt oder entleerte Glaubenssymbole angesprochen werden.
Diese Gesellschaft möchte heute – von peinlichen Entgleisungen abgesehen – nicht so grausam sein, irgend jemanden töten oder auch nur foltern zu wollen, doch die moralische Ausgrenzung „mittelalterlich“ denkender Menschen ist wesentlich massiver, als es die schon aufgelöste Moral vermuten ließe. Es gilt auch hier: Man hofft, das schlechte Gewissen – das noch Impulse aussendet, obwohl oder weil die christliche Orientierung längst verloren ist – durch die moralische Ächtung des andersgläubigen Feindes ersticken zu können.
Der „Meister“ in Hesses Erzählung weiß um diese Dinge sehr genau. Doch man darf diesen Weisen nicht mit dem Gottessohn verwechseln! Er steht mit seinem göttlichen Wort weit, weit über jeder Psychologie, auch wenn er die menschlichen Schwächen durchaus kennt. Seine Wahrheit und seine Liebe leuchten dem Menschen voran, damit er die längst vergessenen göttlichen Gebote erfüllen kann, doch nicht nur im äußeren Tun und nach den überlieferten Satzungen, sondern auch in allen seinen Empfindungen, Gedanken und Worten. So wendet Christus sich in der Bergpredigt nicht nur gegen das Töten, sondern auch gegen das Zürnen sowie das schlechte Reden über den Bruder und versucht, uns nahezubringen, den Nächsten und sogar den Feind zu lieben.
„Wer Wind sät, wird Sturm ernten“, heißt es schon im Alten Testament (Hos. 8, 7), das werden auch diejenigen irgendwann erkennen müssen, die glauben, in Gedanken und Worten über den Nächsten leichtfertig den Stab brechen zu können.
Nach dem Akademieabschluß stand der junge Schiller als Regimentsmedikus mit spärlichem Sold im Dienst des Herzogs. Anfangs betrieb Schiller den Beruf mit Fleiß. Doch seine eigentliche Berufung zum Dichter brach sich mehr und mehr Bahn. Schon 1777 hatte er an einem Schauspiel gearbeitet, das nun als Buch (1781) wie auf der Bühne (erstmals am 13. 1. 1782) am Mannheimer Theater einen unvorstellbaren Erfolg hatte und Friedrich Schiller über Nacht zum berühmten Mann machte: „Die Räuber“! Die Wirkung dieses Theaterstücks, das sich durch die Kühnheit seines Entwurfs, seinen dramatischen Atem, die Leidenschaft und Tiefe der Handlung über alles Vorangegangene erhob, war überwältigend – Schiller hatte den „Geist der Zeit“ getroffen.
Zweimal war der Dichter, ohne daß er Urlaub beim Herzog erfragt hätte, zu Aufführungen nach Mannheim gereist. Er zog dadurch in solchem Maße den Unmut des Herzogs auf sich, daß er es für geraten hielt, seine Freiheit und sein Leben durch Flucht aus Stuttgart zu retten.
Doch die Hoffnung auf ein sicheres Auskommen in Mannheim schlug fehl, und es folgten für ihn finanziell harte und unruhige, allerdings auch produktive Jahre, die ihn bis Leipzig, nach Dresden, Weimar und Jena führten. In diesen Jahren reifte er aus der „Genie-Epoche“ heraus und wurde er zum „geborenen“ Dramatiker, der über Theater und Bühne die Besserung der Welt zum Guten, Schönen und Idealen anstrebte – inspiriert von den ethischen Grundsätzen Immanuel Kants. Langsam besserten sich die Verhältnisse seines Lebens, weil ihm von mancher Seite Unterstützung zuteil wurde: allen voran durch den Freund Gottfried Körner (Vater von Theodor Körner), die Familie von Wolzogen, Herzog Friedrich Christian von Augustenburg sowie (in Maßen) auch durch den Herzog von Weimar und andere.
Der Dichter und Dramatiker Schiller – von dem mittlerweile die Dramen „Fiesko“, „Luise Millerin“ (bzw. „Kabale und Liebe“), „Don Carlos“, etliche Abhandlungen und Gedichte bekannt waren, der im Glück seiner Freundschaft mit Gottfried Körner „Das Lied an die Freude“ dichtete, einen Roman, „Der Geisterseher“, schrieb und historische Wissenschaft betrieb („Abfall der Niederlande“) –, dieser Friedrich Schiller war zu einer unbestrittenen Größe im geistigen Leben der Zeit geworden. Er war sich dessen in aller Bescheidenheit bewußt und zog 1787 nach Weimar, wo er Anschluß an jenen Kreis fand, der unter der Ägide des Herzogs mit seinen Säulen Wieland, Herder und natürlich Goethe den kulturellen Mittelpunkt der Epoche bildete. Doch bald verließ Schiller Weimar wieder, um dem Ruf an die Jenaer Universität (Lehrstuhl für Geschichte) zu folgen. Das bot ihm die Basis zur Vermählung mit Charlotte von Lengefeld (1790) – ein lang ersehntes Glück. Auch lernte er hier Wilhelm von Humboldt kennen und schloß Freundschaft mit ihm.
Anders das Verhältnis zu Goethe – die beiden „Großen“ waren einander bisher anerkennend aus dem Weg gegangen. Goethe (in „Tag- und Jahreshefte“) verargte es Schiller, daß er „die ethischen und theatralischen Paradoxen des Sturm und Drang, von denen ich mich zu reinigen gestrebt, recht im vollen hinreißenden Strome über das Vaterland ausgegossen hatte.“ Und Schiller schrieb – nach ersten Begegnungen und Gesprächen mit Goethe – an Freund Körner (12. 9. 1788): „… aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden … sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungen scheinen wesentlich verschieden.“ Sein Brief schließt: „Die Zeit wird das Weitere lehren.“ Und das tat sie: Im Sommer 1794 kam es zwischen Schiller und Goethe zu tieferen Gesprächen und Gedankenaustausch. Das Eis war gebrochen, und mit Schillers feinfühligem Brief an Goethe vom 23. 8. 1794 stand der Weg für das „Bündnis“ offen, das sie nun bewußt und gezielt schlossen. Eine Epoche gegenseitiger Befruchtung in ihrem Schaffen setzte ein, beginnend mit Goethes Beiträgen für Schillers Zeitschrift „Die Horen“, bis hin zu den gemeinsam veröffentlichten „Xenien“.
Friedrich Schiller war durch Anfälle eines tückischen Brustleidens oft in Todesnähe gerückt und lebte im Vorgefühl eines kurzen Lebens.
Dagegen setzte er, beflügelt vom Bündnisschluß, seine starke Willenskraft ein und ließ ein großes Werk dem nächsten folgen: die drei Teile des gewaltigen historischen Dramas „Wallenstein“, „Die Jungfrau von Orleans“, „Maria Stuart“, „Die Braut von Messina“ und „Wilhelm Tell“ – nicht zu reden von seinem lyrischen Werk. Die Freundschaft mit Goethe tat Wirkung auch auf Schillers Dramenfiguren, sie gewannen ein Mehr an Lebens- und Charakterwärme: „Das Ideal und das Leben“ (Titel eines philosophischen Gedichts von Schiller), Natur und Geist rückten einander näher. Umgekehrt erfuhr Goethes poetische Kraft Verjüngung und Belebung, seine Arbeit am „Wilhelm Meister“ und insbesondere an seinem „Faustdrama“ wäre ohne Schiller nie zu dem Ende vorangeschritten, wie diese Werke auf uns gekommen sind.
Beide zusammen bildeten eine geistige Macht, die, von der klassischen Humanitätsidee getragen, die weltbürgerliche Weite suchte. Dennoch verloren die Bündnispartner nie ihr Grundanliegen, den „Auftrag“, für den sie angetreten waren, aus dem Sinn: die Hebung der deutschsprachigen Dichtkunst und Kultur. Und nahe genug lag ihren Vorstellungen auch das musikalisch „magische“ Element der Mozartschen Opernmusik (Don Giovanni, Zauberflöte) und deren weiterführende Bedeutung für das Drama – Goethe (der einen 2. Teil der „Zauberflöte“ schreiben wollte) und Schiller tauschten sich darüber u. a. brieflich aus.
Ein „Dichterpaar“ allerdings, einer sich im andern spiegelnd, waren die beiden niemals. Ihr Bündnis zog seine Kraft und die Stärke seiner Wirkung im Gegenteil und bei aller Übereinstimmung in ihren „Hauptideen“ – wie sie es nannten – aus dem Bestand und dem selbstverständlichen Bewahren ihrer persönlichen Unterschiedlichkeit. Schiller blieben etwa Goethes häusliche Verhältnisse (der, wie er sagte, mit Christiane Vulpius „ohne Trauschein verheiratet“ war) ein Dorn im Auge. Und keiner der beiden rückte an die Stelle der respektvollen Anrede „Sie“ das vertraulichere „Du“, wie sie es bei anderen Freundschaften taten.
Ab 1800 wohnte Schiller mit seiner Familie (ein viertes Kind wurde hier geboren) in Weimar, wo er sich insbesondere um das Theater bemühte. 1804 folgte er einer Einladung nach Berlin, um Aufführungen seiner Dramen zu betreuen, die dort großen Erfolg fanden. Der Aufforderung Ifflands, in Berlin zu bleiben, zog er allerdings das vertraute Weimar vor. Im folgenden Winter stellten sich die Brustkrämpfe mit großer Heftigkeit wieder ein, und bis zuletzt arbeitend (Fragment „Demetrius“), erlag Friedrich Schiller am 9. Mai 1805 einer akuten Lungenentzündung. Tage zuvor noch hatte Goethe ihn besucht. An der Trauerfeier auf dem Friedhof der Jakobskirche nahm er nicht teil, wie er es beim Tod aller ihm nahestehenden Menschen hielt.
1827 bettete man das Sterbliche Schillers in die „Fürstengruft“ um. 1832 wurde Goethe auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin „an Schillers Seite“ bestattet. Eine große Epoche der Geistesgeschichte im Herzen Europas klang aus.