Wie Vorurteile unser Verhalten beeinflussen
Es gibt viele Vorurteile, wie zum Beispiel: „Männer kaufen ungern ein“ oder „Frauen können sich schlecht orientieren“ oder „Testosteron macht angriffslustig“. Testosteron ist ein männliches Sexualhormon, das zur Ausbildung der männlichen Geschlechtsmerkmale führt und während der Pubertät den Bartwuchs anregt. Eine andere Eigenschaft ist die Förderung des Muskelaufbaus. Deshalb war Testosteron früher ein beliebtes Dopingmittel. Hier soll gezeigt werden, daß das männliche Sexualhormon Testosteron im Gegensatz zur landläufigen Meinung den Menschen nicht angriffslustig macht, sondern das Bestreben, „führen zu wollen“, stärkt. Diese Wirkung zeigt es nicht nur bei Männern, sondern ebenfalls bei Frauen..
Ein Beitrag von Prof. Dr. Dieter Malchow.
Autor: Prof. Dr. Dieter Malchow
Bei Nagetieren führt eine Gabe von Testosteron nachweislich zu aggressiverem Verhalten. Eine Studie an Gefängnisinsassen hat ergeben, daß Insassen mit einem höheren Testosteronspiegel öfter die Regeln verletzt und eine offene Konfrontation im Gefängnis ausgelöst hatten und als jene mit niedrigeren Werten. Macht das Hormon den Menschen also doch angriffslustig?
Die Gegenthese
Es gibt noch eine andere Erklärung für dieses Verhalten: Man hat herausgefunden, daß Menschen mit hohen Testosteronwerten führend sein wollen, einen höheren sozialen Status anstreben. Solchen Menschen würde es demnach schwerfallen sich unterzuordnen. Tatsächlich weiß man, daß in Gefängnissen strenge soziale Hierarchien herrschen, was dazu führt, daß Neuankömmlinge, die einen höheren Status anstreben, sich ihren Platz erstreiten müssen.
Einen besonderen Status könnte man beispielsweise jenem Bühnenarbeiter an der Royal Shakespeare Company zuschreiben, der es erreichte, daß das gestohlene Auto eines Schauspielers am nächsten Tag wieder vor der Türe stand. Als ich diesen Bericht las, war ich sehr erstaunt. Wie kann es einem Bühnenarbeiter gelingen, ein gestohlenes Auto wieder zurückzubringen, wenn er es nicht selbst gestohlen hat? Offensichtlich gibt es noch andere Wege.
Durch seine besonderen Kontakte hatte er wohl erfahren, daß das Auto eines Schauspielers aus der Royal Academy gestohlen worden war. Er fragte dann den Schauspieler, ob er es wiederhaben wolle. Als dieser bejahte, setzte er auf unbekannten Wegen seine Mittelsmänner unter Druck, das Auto seinem rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Er muß wohl in der Rangordnung seiner Bekannten einen nicht unerheblichen Status eingenommen haben, damit ihm das gelingen konnte.
Die Probe aufs Exempel
Einige Wissenschaftler um Ernst Fehr (Universität Zürich) hatten die Idee zu einem Experiment, um diese Kontroverse zu klären, ob das Hormon angriffslustig mache oder das Führungsverhalten fördere. Sie nutzten dafür das „Ultimatum game“, in dem ein Spieler (A) von 20 Euro, die er erhält, so viel an einen Mitspieler (B) abgeben darf, wie er für richtig hält. Akzeptiert B die angebotene Summe, dürfen beide ihren Anteil behalten, lehnt B ab, gehen beide leer aus. Daher liegt es an A, die Situation richtig einzuschätzen. Teilt A brüderlich, zeugt das von einem fairen Verhalten, bietet A hingegen wenig, verletzt A die Regeln des Anstands und handelt unfair. Dies kann dazu führen, daß B sich verletzt fühlt und ablehnt.
Die Frage lautet nun: Würde eine Gabe von Testosteron dazu führen, daß A fairere Angebote macht oder im Gegenteil unfairer handelt? Sofern die Status-Hypothese zutrifft, müßte A vermeiden, daß sein Angebot abgelehnt wird, weil ihn eine Ablehnung demütigen würde, seine Führungsqualitäten würden dadurch in Zweifel gezogen. Unfaire Angebote hingegen würden die These der Angriffslust bestätigen: „Ich will doch mal sehen, wie weit ich mit meinem Angebot runtergehen kann. Das wäre doch gelacht, wenn B die zwei Euro nicht annähme. Da wäre er schön dumm. Mit zwei Euro kann man sich eine gute Tafel Schokolade kaufen.“
Die Spieler
Die Wissenschaftler gewannen für ihre Doppelblindstudie 120 junge Frauen mit regelmäßigem Zyklus. Frauen deshalb, weil bei ihnen der endogene Testosteronspiegel ebenfalls mit dem Statusverhalten korreliert und weil die neurophysiologisch wirksame Dosis bei Frauen bekannt ist. Eine Hälfte der Frauen bekam ein Placebo, die andere Testosteron, ohne daß sie wußten, welches Mittel sie erhielten. Entgegen Fehrs Erwartungen gaben die Frauen mit Testosteron fairere Angebote ab als die aus der Placebogruppe. Höhere Testosteronwerte beim Menschen erhöhen also nicht die Angriffslust, wie bisher von vielen angenommen wurde, sondern fördern den Führungswillen.
Warum Vorurteile schädlich sind
Vorurteile schränken unseren Handlungsspielraum ein. Wir sind dann in dieser Richtung vorprogrammiert. Beispielsweise könnte die Annahme, daß Testosteron angriffslustig macht, bewirken, daß alle Männer als angriffslustig eingestuft werden. Tatsächlich hat sich bei der vorgestellten Untersuchung ergeben, daß einige Teilnehmerinnen davon ausgegangen waren, daß sie das Hormon bekommen hätten, obwohl sie tatsächlich ein Placebo erhalten hatten.
Diese Teilnehmerinnen machten unfairere Angebote als Teilnehmerinnen, die angenommen hatten, ein Placebo erhalten zu haben. Die Vorstellung allein, Testosteron erhalten zu haben, obwohl das gar nicht der Fall war, bewirkte bei den Frauen ein aggressiveres Verhalten gemäß der verbreiteten Meinung, daß das Sexualhormon dieses Verhalten auslöst.
Ein anderes Vorurteil ist: „Nach dem Tod ist alles aus“. Diese Annahme bewirkt, daß wir nicht mit einer gesetzmäßigen Wechselwirkung auf unser Verhalten rechnen, wie es die Gesetze der Physik nahelegen, sondern der Meinung sind, man müsse sein Leben in vollen Zügen genießen, koste es, was es wolle. Abd-ru-shin, der Autor des Werkes „Im Lichte der Wahrheit“, erklärt, daß der Tod nichts anderes als die Geburt in die jenseitige Welt ist, in der wir gemäß unserem Verhalten auf der Erde weiterleben, um uns weiterzuentwickeln.
Tatsächlich gibt es viele Untersuchungen, die das Weiterleben des Menschen nach dem Tode nahelegen. Schenken wir diesen Untersuchungen Glauben, lösen wir uns also von dem Vorurteil, daß nach dem Tod alles aus ist, so kann dies ein starker Impuls sein, unser Verhalten grundlegend zu überdenken. In dem Bewußtsein, daß wir einst die Früchte unseres Tuns ernten müssen, werden wir bestrebt sein, schon hier und heute das wirklich „Beste“ aus unserem Leben zu machen.
Referenzen
- C. Eisenegger et al., „Prejudice and truth about the effect of testosterone on human bargaining behaviour“, Nature 463, 356-359, 2010
- M. Schwelt, „Verbindet das Kino Völker, Sir Ben?“ Frankfurter Allgemeine Zeitung 37, Z6, 2010
- Abd-ru-shin, „Im Lichte der Wahrheit“, 1990
- B. Jakoby, „Begegnungen mit dem Jenseits“, rororo Taschenbuch, 2006