Das Turiner Grabtuch – vom 10. April bis 23. Mai 2010 im Dom von Turin ausgestellt
„Arte“ brachte am 10. April 2010 eine Sendung zur Forschungslage. Ist das Turiner Grabtuch tatsächlich das Leinentuch, mit dem Jesus nach der Kreuzabnahme und vor der Beisetzung eingehüllt wurde, oder handelt es sich um eine mittelalterliche Fälschung? Die letztere Vermutung schien sich 1988 durch die Radiokarbondatierung des Tuches auf die Zeit zwischen 1260 und 1390 zu bestätigen. Doch seither sind die Zweifel an der Exaktheit der damaligen wissenschaftlichen Methode nicht zur Ruhe gekommen. Ist das berühmte Tuch doch echt?
Ein Beitrag von Dr. Christian Baur.
Autor: Dr. Christian Baur
Rund eineinhalb Millionen Pilger aus aller Welt haben sich in Turin bereits angemeldet, um jeweils drei Minuten vor dem Grabtuch zu verbringen. Weitere zwei Millionen werden noch erwartet. Papst Benedikt XVI. will am 2. Mai nach Turin pilgern. Für die meisten dieser Menschen ist diese bedeutendste Reliquie der Christenheit, die den schattenhaften Abdruck eines menschlichen Körpers und eines wunderbaren Antlitzes zeigt, das Grabtuch Christi.
„Nicht von Menschenhand gemachte Bilder“ des Gottessohnes
Ist das berühmte Leinen mit dem Christusbild von Edessa (heute: Urfa in Anatolien) identisch mit dem sogenannten Mandylion (1), einem „nicht von Menschenhand gemachten Bild“, das der kranke König Abgar V. – nach dem Tode Christi – durch den Jünger Thaddäus empfing und dadurch geheilt wurde?
Wenn ja, müßte man sich das Gewebe, das 1,10 Meter breit und 4,36 Meter lang ist, so gefaltet vorstellen, daß nur der Kopf sichtbar ist. Dieses Mandylion ist später wieder vergessen und im 5. Jahrhundert in der Stadtmauer von Edessa wiederentdeckt worden – es könnte sich dabei aber auch um das eigentliche „Leichentuch“ aus der Pharoskapelle (Pharos = Leichentuch) in Konstantinopel gehandelt haben. (2) Jedenfalls gelangt das eine oder das andere im 10. Jahrhundert nach Konstantinopel und gerät dann wohl in den Besitz des Templerordens.
Historisch verbürgt ist das Grabtuch erstmals im französischen Lirey im Jahre 1357. Knapp zweihundert Jahre später wird es im Zusammenhang mit der Schloßkapelle von Chambéry anläßlich eines Brandes, der es leicht beschädigt, genannt. Seit dem Jahr 1578 erfolgt die Aufbewahrung in der Kathedrale von Turin. Nach dem Tode des früheren italienischen Königs Umberto II. von Savoyen gelangt das Grabtuch 1983 in den Besitz des Vatikans.
Das Wunder des „Fotos vom Foto“
Wirklich bekannt wird das Grabtuch erstmals durch eine Fotografie, die der Italiener Secondo Pia 1898 von diesem geheimnisvollen Abbild des Leichnams eines gefolterten und wohl auch gekreuzigten bärtigen Mannes anfertigte. Das Negativ des Fotos ließ mit dunklem Hintergrund wesentlich mehr erkennen, als das bloße Auge auf dem hellen Linnen wahrnehmen konnte, so, als wäre das Tuch selbst ein Negativ, das positiv abgezogen wird: Jetzt erst zeigte sich das außerordentlich eindrucksvolle Bild in seiner ungewöhnlichen Präsenz, jetzt ließen sich erstmals nicht nur die Details des Antlitzes sowie die zahlreichen Spuren der Martern und Folterung ablesen, ebenso nahmen nun die seelisch-geistigen Qualitäten dieses Mannes gefangen, seine Güte, Trauer und seine Hoheit. Viele Menschen, die das Negativ dieses Fotos sahen, wußten, daß es sich hier nur um einen „Menschen“ handeln konnte: um den Gottessohn Jesus Christus!
Das Foto machte das Grabtuch von Turin weltberühmt und zu einem der am genauesten untersuchten „Bilder“ des Abendlandes, zu einem Lieblingsobjekt der Wissenschaft.
Die Datierungsfrage des Grabtuches
Die fragliche Datierung von 1988 nach der Radiokarbonmethode ist nur eine Seite des Untersuchungsobjekts. Dazu hat die bei Arte ausgestrahlte Dokumentation kritisch Stellung genommen. U. a. wurde Ray Rogers zitiert, ein Forscher, der an der C14-Datierung beteiligt war. Er bestätigte – vor seinem Tod durch eine Krebserkrankung (2005) – die Zweifel, die Sue Benford an der für die Untersuchung entnommenen Probe geäußert hat: Sie hatte anhand der veröffentlichen Fotos beobachtet, es habe sich bei dem entfernten Stoffteil um eine spätmittelalterliche Reparaturstelle gehandelt.
Anna Benvenuti wiederum, eine Professorin für Geschichte des Mittelalters an der Universität Florenz, „wies erst im vergangenen Jahr darauf hin, daß der Radiokarbon-Test bereits mehrfach in die Irre geführt hätte. So habe er etwa bei einer ägyptischen Mumie im Museum von Manchester ähnlich große Datierungs-Diskrepanzen zwischen dem Körper des Toten und den ihm umhüllenden Stoffbinden ergeben. Erst als man diese durch Enzym-Behandlung gereinigt hatte, stimmten die Ergebnisse überein.
Für die frühe Datierung spricht nach Ansicht der Forscher außerdem der von Turiner Wissenschaftlern entdeckte Münzabdruck über dem rechten Auge der Männergestalt: Eine Münze aus der Zeit des römischen Statthalters Pontius Pilatus. Zudem fanden israelische Forscher 1999 bei Untersuchungen 58 Arten von Pollen und rund 30 Pflanzenabdrücke, die es um diese Zeit ausschließlich im Nahen Osten gegeben habe.“ (3)
Umstritten ist die Beobachtung von Barbara Frale (2009), einer Wissenschaftlerin des Vatikans, daß HD-Fotografien (Hochkontrastbilder) des Grabtuchs nicht nur Schriftzeichen auf Aramäisch, Griechisch und Latein, sondern auch – einem Totenschein vergleichbar – den Namen Jesu erkennen lassen.
Irgendwann wird sich der Wunsch des sterbenden Forschers Ray Rogers erfüllen, daß eine erneute Radiokarbondatierung die Ungereimtheiten des Forschungsprojekts von 1988 ausräumt und zu neuen Ergebnissen führt.
Eine „mittelalterliche Fälschung“?
Doch, wie schon gesagt, die Datierungsfrage ist nur eine Seite der Medaille. Denn als im Zuge der Radiokarbonanalyse des Tuches von einer „mittelalterlichen Fälschung“ gesprochen wurde, war dies ja eine äußerst kühne Unterstellung. Denn welche alle modernen Wissenschaften übersteigende Kunstfertigkeit müßte der mittelalterliche „Fälscher“ nun besessen haben?!
Wie sollte es ihm möglich gewesen sein, ohne Pigmente, ohne feststellbare chemische Substanz ein Negativ-Abbild zu schaffen, das allen ärztlichen und gerichtlichen Bedingungen der Passion des Heilandes entsprach, das – die Abstände der Körperpartien berücksichtigend – Jahrhunderte später sogar eine dreidimensionale Projektion ermöglichte und bloß auf der Oberfläche des Leinens hätte aufgebracht werden müssen, auf einem Untergrund, der zugleich Blütenpollen Palästinas aus der Zeitenwende enthielt?!
Just eine solche Fälschung will Luigi Garlaschelli, ein Professor für Chemie, im vergangenen Jahr (2009), finanziert durch eine Gruppe italienischer Atheisten und Agnostiker, ausgeführt haben, wobei er allerdings – völlig abweichend vom Grabtuch – eine rötliche Pigmentpaste (!) verwendete. (4) So meinte er wohl, eine oberflächliche optische Täuschung genüge!
Welches „Licht“ belichtete das Leinen?
Das ungelöste Rätsel betrifft nicht allein die Altersfrage! Wie ist denn überhaupt das „Bild“ auf das Leinen gekommen, und zwar so, daß durch eine moderne Bildbearbeitung ein 3D-Bild zu gewinnen ist? Ian Wilson kommt in seinem Buch „Eine Spur von Jesus“ (1984) zu folgender Beobachtung: „Nichtsdestoweniger ist der Eindruck unausweichlich, daß das Bild eher durch die Einwirkung von Strahlen als durch das Aufbringen von Farbstoffen entstand […], daß das, was es geschaffen hat, noch in die Zwischenräume zwischen den Fasern gesickert ist; es ist unauflöslich und gegen Säuren resistent. […] Das Grabtuch wurde […] anscheinend eher von innen als von außen her versengt.“
Im Zusammenhang mit den Ereignissen, die über Jesus Christus überliefert sind, muß an Christi Verklärung auf dem Berg Tabor erinnert werden. Dorthin ging einst Christus, um zu beten, begleitet von seinen Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes. Christus wird bald durch überirdisches Licht verklärt, wobei aus einer Wolke eine Stimme ertönt und an die Taufe anknüpfend sagt: „Dies ist mein geliebter Sohn.“ Nach Matthäus 17, 2 strahlte Christi Antlitz „wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.“
Dieser Bericht vermittelt die Ahnung von göttlicher Strahlung, von göttlicher Kraft und göttlichem Licht. Die Jünger waren vor dem Leidensweg Christi, der bald nach der Verklärung begann, dazu berufen, diese unmittelbare Erfahrung göttlicher Hoheit und Lichtkraft – alles, was dem menschlichen Auge sonst nicht sichtbar sein kann – auch in ihrem Inneren aufzunehmen, damit sie später davon zeugen konnten.
Diese göttliche Lichtstrahlung verklärte den Leib Christi auch im Alltag, blieb aber den Menschen normalerweise unsichtbar. Als sich bei dem Tode Jesu der göttliche Kern mit seinen feineren Hüllen vom gemarterten Körper trennen mußte, durchstrahlte er ein letztes Mal den Leib, der auf der Erde zurückblieb. So war der tote Körper aufgeladen wie eine Batterie und konnte erstmalig sein Licht und seine Energie an das Leinen abgeben, auf dem er lag und das ihn bedeckte. (5) Als letzte Gnade für künftige Generationen entstand auf diese Weise – durch das göttliche Schechina-Licht – das unauslöschliche Abbild des Gottessohnes.
Liebe, Strenge und göttliche Hoheit
Das viele Menschen bewegende Antlitz Christi, das Güte, Trauer und göttliche Hoheit vermittelt, weicht bedeutend von den bekannten malerischen Darstellungen Christi ab: Hier ist keine Spur eines weichlich-sentimentalen Ausdrucks jener Liebe zu finden, die dem Gottessohn oft zugeschrieben wird.
Das Grabtuch von Turin läßt vielmehr ahnen, daß die Liebe, die der Gottessohn den Menschen brachte, nicht von der Gerechtigkeit des Alten Testaments zu trennen ist. So heißt es denn auch in der Bergpredigt: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüttel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.“ (Matth. 5, 17)
Am Schluß der Bergpredigt steht die Aussage: „Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre. Denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten.“ (Matth. 7, 28)
Abd-ru-shin weist in der Gralsbotschaft mehrfach darauf hin, daß „der wahren Liebe größter Teil“ die Strenge ist. „Die Person des Wahrheitsbringers Christus Jesus“ ist wiederum „zu einer Weichlichkeit und Nachgiebigkeit herabgezerrt“ worden, „die er nie besaß. Er war gerade durch All-Liebe herb und ernst unter den Verstandesmenschen.“ (6)
Wer jetzt das originale Grabtuch in Turin – es wird bis zum Pfingstsonntag gezeigt – erleben kann, mag im Innersten prüfen, ob er irgendein beliebiges historisches Dokument vor sich hat oder dem wahren Christusgeist begegnet, der einen Impuls vermittelt, sein Leben zu ändern.
Literatur:
(1) Manche nehmen auch an, beim Mandylion von Edessa handle es sich um das Volto Santo, das heilige Antlitz, das in dem Abbruzzenstädtchen Manoppello aufbewahrt wird. Allerdings ist in der Literatur auch noch das verschollene „Schweißtuch der Veronika“ bekannt. Der „Schleier von Manoppello“ zeigt ein Antlitz, das mit seinen unregelmäßigen Proportionen und der Lage der Wunden dem Bild auf dem Turiner Grabtuch ähnlich ist. Doch seine Ausstrahlung, seine seelisch-geistige Aussage kann nicht mit der des Grabtuches verglichen werden.
(2) Siehe: Kathpedia: www.kathpedia
(3) Siehe: www.az-web.de
(4) Siehe: www.spiegel.de
(5) Vgl.: Richard Steinpach, Das „gefälschte“ Grabtuch. In: Irrwege, Bd. 3 der Werkausgabe Richard Steinpach, Verlag der Stiftung Gralsbotschaft, Stuttgart 1984.
(6) Siehe: Abd-ru-shin, Im Lichte der Wahrheit, Gralsbotschaft, Bd. II, Stuttgart 1990.