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Indianer, Araber und Edelmenschen

Karl May (1842–1912): Ein mehr als interessanter „Scharlatan“

Seit der Karl-May-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin ist der auflagenstärkste deutsche Schriftsteller aller Zeiten wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Denn der einst geliebte, verehrte, doch ebenso befehdete und bekämpfte Autor war etwas in Vergessenheit geraten.
Autor: Dr. Christian Baur
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Karl Friedrich May wurde am 25. Februar 1842 im sächsischen Ernstthal als fünftes von 14 Kindern geboren, von denen neun schon bald nach der Geburt starben. Der Vater war Webermeister, die Mutter Hebamme. So kam er aus kleinsten Verhältnissen, entsprechend war seine Jugend von Hunger geprägt. Später arbeitete Karl May als Volksschullehrer, aber in seiner bemerkenswerten Veranlagung als Hochstapler machte er sich bald strafbar: „Mal gab er sich als Augenarzt Dr. Heilig aus und ließ sich von einem Schneider fünf Anzüge fertigen, die er nie bezahlte, mal bestellte er als Seminarlehrer Lohse vier Pelze und verschwand damit. Oder er konfiszierte als angeblicher Polizeileutnant bei einem Schneider zehn Taler und eine Uhr – weil das Geld gefälscht und die Uhr gestohlen sei. Und als vorgeblicher Bote eines Advokaten ‚beschlagnahmte‘ er bei einer inszenierten Hausdurchsuchung wegen Falschmünzerei 28 Taler.“ (1) Als Karl May ohne Ausweispapiere aufgegriffen wurde, folgte die Inhaftierung, wonach er zu insgesamt acht Jahren Arbeits- und Zuchthaus verurteilt wurde.

Noch während seiner Zeit im Zuchthaus beschloß Karl May, Schriftsteller zu werden. Er begann als Zeitschriftenredakteur für den Verleger Münchmeyer, publizierte in Haus- und Familienzeitschriften, wie dem katholischen Blatt „Deutscher Hausschatz“, und machte sich ab 1878 als freier Schriftsteller selbständig, der in Fortsetzungsgeschichten, später in selbständigen Romanen die Welt der Indianer und Araberstämme schilderte.

Unerwartet bald stellte sich der Erfolg ein. Und nun galt es, ein begeistertes Lesepublikum, das die Einzelheiten seiner Reisen erfahren wollte, zufriedenzustellen. Denn May, der nie im „Wilden Westen“ war – eine USA-Reise fand erst 1908 statt –, machte seine Leser glauben, daß er alles Beschriebene selbst erlebt hatte, daß er also selbst Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi sei.
So ließ er sich – zum „Beweis“ – in Radebeul bei Dresden in seiner Villa Old Shatterhand in den jeweiligen „Originalkostümen“ photographieren. In seinem Arbeitszimmer wiederum hingen seine Trophäen, die ebenfalls als „authentischer“ Hintergrund für die Porträtphotos dienten. Karl May kommentierte dies so: „Über meinem Kopfe Winnetous Silberbüchse, links am Fenster der doppelläufige Bärentöter, am anderen Fenster der kleine Henrystutzen, das sind die drei berühmtesten Gewehre der Welt. Vom Schreibtisch herunter hängt meine Häuptlingsflagge, ein einziges Stück Baumbast, mit Menschenblut bemalt, jedes Viereck mit dem Blute eines Feindes, den ich im Nahkampf mit dem Messer erlegt habe. Darunter ein von mir nur mit dem Messer geknickter wilder Büffel. Links unten ein selbst geschossener Grizzlybär … Hoch oben über mir der Kopf eines Elks, aus dessen Fell dann mein Prairie-Anzug gefertigt worden ist.“ (2)

Doch diese Neigung zur Maskerade, dieser Wunsch, sein in der Jugend angeschlagenes Selbstbewußtsein vor einem Millionenpublikum zu rehabilitieren, kam ihn teuer zu stehen. Journalisten recherchierten, und die Tatsache, daß er seine Leser getäuscht hatte, kam ausgerechnet während seiner langen – ersten und einzigen – Orientreise im Jahre 1900 ans Licht. Zugleich wurde an Mays kleinkriminelle Jugendzeit erinnert. Der Journalist, der am meisten gegen ihn hetzte, Rudolf Lebius, ging so weit, May als „geborenen Verbrecher“ zu bezeichnen – was vom Amtsgericht Berlin-Charlottenburg im Herbst 1910 nach einer Reihe von sehr unglücklich verlaufenen Prozessen offiziell gebilligt wurde! (2)

Diese Kampagne überschattete Mays letzte Lebensjahre, eine Zeit, in der er mit seinem Spätwerk und seinen Gedichten, den „Himmelsgedanken“, neues Terrain betreten wollte. Hier folgten ihm nur wenige, wie etwa Bertha von Suttner, die Friedensnobelpreisträgerin von 1905. Die Friedenskämpferin war von Mays christlich-spirituell geprägten, völkerverbindenden Gedanken sehr gerührt und dankte ihm öffentlich ohne Vorbehalt und Ironie.

Karl Mays schriftstellerisches Werk wurde von anerkannten Persönlichkeiten wie Max Brod, Hermann Hesse, Carl Zuckmayer oder Ernst Bloch gerühmt. Barbara Möller schreibt: „Mit Karl May konnte man träumen. Ausbrechen aus dem tristen Alltag. Jeder Junge – ob groß oder klein – wollte so stark sein wie Winnetou und Old Shatterhand, wollte durch die Wildnis reiten, atemberaubende Abenteuer erleben und siegen. Die Mädchen wollten so sein wie Winnetous Schwester Nscho-tschi oder die Häuptlingstochter Ribanna. Wer eines dieser Bücher mit den grünen Einbänden in die Hand nahm, konnte nicht mehr aufhören zu lesen. Nicht von ungefähr heißt es, daß Karl May zahlreichen Kindern das Lesen beigebracht habe. Der große Philosoph Ernst Bloch hat Karl May sogar einmal als ‚Shakespeare für Jungs‘ bezeichnet. Was für ein Kompliment!“ (2)

Und wie steht es mit Karl Mays Spätwerk, das immer wieder kritisch betrachtet wurde? Als er, am Wendepunkt seines Schaffens, an seinem Buch „Am Jenseits“ arbeitete, wandte er sich am 2. März 1899 an seinen Stuttgarter Verleger mit den Worten, „Karl May“ schreibe „keine Indianergeschichten, sondern ‚Predigten an die Völker‘„. (3)

In der zentralen Passage dieses Buches wird der Blinde Münedschi von einem Engel, genannt Ben Nur, an die Mauer des Jenseits geführt. Seherisch erlebt er die „andere Seite“, die sonst erst nach dem Erdenleben erfahrbar wird. Ben Nur: „Du siehst dich hier also zwischen Zeit und Ewigkeit, nicht vor dem Tode, sondern mitten in demselben, und alles, was du hier erblickst, geschieht mit der Seele während der Zeit des Sterbens.“ Seelenscharen bewegen sich der Brücke entgegen, aber jede einzelne Seele muß über den von Engeln flankierten Steg: „Er ist beweglich und so schmal, daß man ihn nur einzeln betreten kann; aber keiner darf ihm ausweichen; alle müssen darüber!“ Dieser Steg ist „El Mizan“, die „Waage der Gerechtigkeit“. „Sie mißt jede Tat, jedes Wort und jeden einzelnen Gedanken.“ (4)

Karl May, der nie im „Wilden Westen“ war, machte seine Leser glauben, daß er alles Beschriebene selbst erlebt hatte, daß er also selbst Old Shatterhand sei.
Im Detail wird dann beschrieben, wie die Scheinfrommen, die „Gewohnheitsbesucher der Kirchen und Moscheen“ an dieser Waage der Gerechtigkeit scheitern. Nur diejenigen, welche „die ewige Liebe“ verwirklichen, „das himmlische Feuer“, können bestehen.

In seinem Buch „Ardistan und Dschinnistan“ (1907/10) verlegt Karl May die Handlung auf einen anderen Stern, der den Namen „Sitara“ trägt. Dort geht es um den Weg des irdischen Menschen von Ardistan – dem „Bodenland“ – zum bewußten geistigen Menschen, der ein höheres Dasein in Dschinnistan – dem „Geistesland“ – genießen darf. Als dieses nach vielen Auseinandersetzungen zu siegen beginnt, ereignen sich kosmische Lichterscheinungen, die den Sieg des Geistes anzukündigen scheinen und sich in der Natur spiegeln: „… zu unsern Häuptern, erschien eine erst dämmernd und dann fast hell strahlende Bergeskuppe, deren goldene Konturen langsam abwärts liefen und sich wie niederfallende Feuerwerksfäden verzweigten, um die ganze plastische Gestalt dieses Berges zu zeichnen und aus dem nächtlichen Hintergrund hervorzuheben.

Die lichtlosen Felder, die zwischen diesen goldenen Umrissen lagen, wurden nach und nach ausgefüllt, und zwar auch von oben herab, von Farben, die nicht der Erde, sondern einer ganz andern Welt zu entstammen schienen …“ (5)


Literatur:
1 Zitat von Almut F. Kaspar aus dem Beitrag „Der Mann, der Old Shatterhand war“. Nachzulesen in: http://www.stern.de/unterhaltung/ausstellungen/:Karl-May-Ausstellung-Der-Mann,-Old-Shatterhand/597073.html
2 Zitat von Barbara Möller, Hamburger Abendblatt, aus dem Beitrag „Ein interessanter Scharlatan“. Nachzulesen in: http://www.abendblatt.de/daten/2007/08/31/788556.html?s=1
3 http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/seklit/biographie/356.htm
4 http://karlmay.leo.org/kmg/seklit/matkmf/7/index.htm#BIII6c – In der siebten Sure des Korans (Vers 9 und 10) heißt es: „An jenem Tage wird die Waage nur in Gerechtigkeit wiegen.“
5 http://karlmay.leo.org/kmg/primlit/reise/ard/ard2/k10-2.htm