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Innere und äußere Größe

Goethes Märchen „Die neue Melusine“
Autor: Christian Baur
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Johann Wolfgang von Goethe
Das mittelalterliche Märchen „Die Melusine“ erzählt von einer Meerjungfrau, die sich – als schöne junge Frau – einem Ritter unter der Bedingung verspricht, er solle nie versuchen, sie in ihrer wahren Gestalt zu sehen. Irgendwann bricht dieser sein Versprechen, und das Unglück bricht über beide herein. – Johann Wolfgang von Goethe lernte dieses Märchen in seiner Jugend kennen. Gut siebzig Jahre später fügte er es in umgearbeiteter Form unter dem Titel „Die neue Melusine“ in seinen Roman „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ ein.
Zauberhafte Geschichte mit banalem Schluß? In der „neuen Melusine“ tritt keine Wasserfee auf wie im mittelalterlichen Märchen, vielmehr gehört die Prinzessin Melusine dem Zwergenvolk des Königs Eckwald an, dessen Bestand gefährdet ist. Die durchschnittliche Körpergröße der Angehörigen nimmt von Generation zu Generation ab, und vor allem die Königsfamilie ist aufgrund „ihres reinen Blutes“ durch diese Entwicklung bedroht. Diese Schwierigkeit läßt sich nicht aus eigener Kraft beheben, und das Zwergenvolk ist darauf angewiesen, mit Hilfe der Menschen eine Blutauffrischung zu versuchen. Aus diesem Grund wird beschlossen, „daß von Zeit zu Zeit eine Prinzessin aus dem königlichen Hause heraus ins Land gesendet werde, um sich mit einem ehrsamen Ritter zu vermählen, damit das Zwergengeschlecht wieder aufgefrischt und vom gänzlichen Verfall gerettet sei“.

So kommt es schließlich, daß die – durch einen Zauber vorübergehend auf die Größe von „Riesen“ gebrachte – Prinzessin Melusine auf der Suche nach einem Mann zu den Menschen gesandt wird, um „den Stamm des herrlichen Eckwald zu erneuern und zu verewigen“.

Eigentlich sucht sie ja einen Ritter. Doch sie begegnet einem Taugenichts (den Goethe als Ich-Erzähler in die Geschichte einführt). Dieser – wieder einmal in Geldnöten – ahnt, daß die vornehme Frau, die an seinem Lieblingswirtshaus mit einer vierspännigen Kutsche vorfährt, nicht unvermögend ist, und versucht, die Schöne zu gewinnen. Melusine weist ihn nicht ab, gibt ihm aber zu verstehen, er solle weniger aufdringlich sein, wenn er „ein Glück nicht verscherzen“ wolle, das ihm sehr nahe sei, „das aber erst nach einigen Prüfungen ergriffen werden kann“. Und so neigt sich Melusine ihm nach und nach zu.

Der Zauber, der der Zwergenprinzessin eine menschliche Gestalt und Größe verleiht, scheint offenbar nicht dauerhaft zu wirken. Zwischendurch verschwindet die Prinzessin immer wieder – und zwar, wie der Leser nach und nach errät, in einem winzigen Kästchen, das sie in ihrer Kutsche mit sich führt. Über dieses hält sie in den Palast der königlichen Zwergenfamilie Einkehr. Damit die Sache geheim bleibt, verpflichtet Melusine ihren Bewerber dazu, niemals in das Kästchen zu schauen. Sie will ihn zu einem tugendhaften Menschen – letztlich zu einem Ritter – machen, der sich während ihrer Abwesenheit mit Zuverlässigkeit und Sorgfalt um das Palastkästchen kümmert.

Für den „Helden“ der Geschichte wäre die Erfüllung dieser Aufgaben mit einer völligen Veränderung seiner Lebensweise verbunden. Er, der sich bisher in Wirtshäusern herumgetrieben hat, soll jetzt ein gesittetes Leben führen. Die Hoffnung der Melusine scheint sich zunächst zu erfüllen, auch wenn der künftige Liebhaber sich bei der Einhaltung der Vereinbarungen immer wieder als rückfällig erweist. Doch die Prinzessin verzeiht die Übertretungen ein ums andere Mal, und beide werden, soweit es möglich ist, glücklich: „Sie drückte mir zuletzt einen Beutel mit Gold in die Hand und ich meine Lippen auf ihre Hände.“ Es bleibt nicht bei diesem Kuß, und schon bald ist der Fortbestand des Zwergenvolkes gesichert.

Doch größere Schwierigkeiten folgen. Der Ich-Erzähler ist „nicht gewohnt, ohne Gesellschaft zu leben“ und sieht sich durch die traute Zweisamkeit mit der Prinzessin in zunehmendem Maß seiner Freiheit beraubt. Zugleich verführt ihn das viele Gold, das er nach Bedarf aus den Taschen in der Kutsche entnehmen kann, dazu, sein genußorientiertes Leben in geselliger Runde nicht nur fortzusetzen, sondern sogar ausschweifender als bisher zu führen. So muß Melusine bald erkennen, daß er ihre vorübergehende Abwesenheit jeweils nutzt, ein Freudenleben zu führen. Er wiederum kommt ebenso zufällig wie neugierig hinter das Geheimnis ihrer wahren Gestalt, erfährt, daß sie dem „Geschlecht der Nixen und Gnomen“ angehört. Melusine fordert nun ihren Liebhaber auf zu prüfen, „ob diese Entdeckung“ der Liebe „nicht geschadet habe“, ob er vergessen könne, daß sie „in zweierlei Gestalten“ sich neben ihm befinde. Er versucht, sie zu beruhigen, denn er fürchtet, seine Geldquelle zu verlieren. So versuchen sie es nochmals miteinander. Und er selbst meint: „Ist es denn ein so großes Unglück, eine Frau zu besitzen, die von Zeit zu Zeit eine Zwergin wird, so daß man sie im Kästchen herumtragen kann? Wäre es nicht viel schlimmer, wenn sie zur Riesin würde und ihren Mann in den Kasten steckte?“

Als der Erzähler einmal bei viel Weingenuß in der Gesellschaft öffentlich seine Liebste beschimpft, sie gar Zwerg nennt, muß ihm Melusine eröffnen, daß nun eine Trennung von ihm unvermeidlich sei. Er wird von Reue ergriffen und weint, erkundigt sich, ob es denn gar kein Mittel gäbe, bei ihr zu bleiben. Schließlich sagt sie, nur wenn er dazu bereit sei, selbst die Zwergengröße anzunehmen. Er willigt in alles ein, und sie schiebt ihren Ring auf seinen Finger, und auf einmal sieht er sich – nach heftigen Schmerzen – in kleiner Gestalt wieder, findet seine Geliebte und ist zufrieden. Bald wird er seinem künftigen Schwiegervater, dem Zwergenkönig vorgestellt, der ihn huldvoll aufnimmt. Die vorgesehene Heirat allerdings fürchtet er sehr. Er versucht zu fliehen, wird jedoch von den Ameisen, die mit den Zwergen verbündet sind, nach einem sehr einseitigen Kampf – denn es sind Riesentiere – wieder an den Hof zurückgebracht. Die Heirat wird vollzogen, und er fühlt sich kurze Zeit glücklich. Allein, er sinnt auf Befreiung, feilt seinen Ring heimlich durch und stellt so seine Menschengestalt wieder her. Er befindet sich jetzt wieder in der menschlichen Alltagswelt, von der er einst ausgegangen ist.
Mensch und Naturwesen im Einklang Nun wird diese Geschichte, die so banal endet, sehr verschieden interpretiert. Man möchte darin zum Beispiel die patriarchale Sicht auf „die verzwergte Frau“ erkennen oder aber das Beispiel eines „gescheiterten interkulturellen Dialogs“.

Für den Versuch einer tiefgründigeren Deutung muß man zunächst fragen, warum es so viele ähnliche, oft zu Opern vertonte, außerordentlich beliebte Märchen gibt, in denen immer wieder Undinen, Nixen und Schwanenmädchen auftauchen. Dahinter schlummert wohl der Glaube, daß die Natur nicht tot ist – oder sich in bloß unbewußtem Wachstum erschöpft –, sondern belebt, ja durch Gestalten bevölkert, die nur wenige Menschen wahrnehmen können. In der „neuen Melusine“ geht es wohl zentral darum, einen Einklang zwischen der Natur und der Menschheit zu erreichen. Die Natur ist überreich spendend, und dies erweist sich durch das Gold, das unserem Helden, solange er einigermaßen treu bleibt, in Fülle zur Verfügung steht. Der Mensch wiederum – auch der Durchschnittsmensch, der sich hier einem bequemen Genußleben hingibt – sollte nicht einseitig nehmen, sondern durch sein bewußtes Wirken – durch seine geistige Energie – der Natur Kraft zuführen. Solange er jedoch, statt die Natur zu achten, sie bloß ausbeutet, entzieht er ihr Kraft und bedroht ihr Bestehen – auch das ihrer Gestalten, die in ihr verborgen wirken mögen und immer kleiner, auch vom Menschen immer weniger wahrgenommen werden. Wenn er die Natur überdies verhöhnt – wie der Held der Geschichte nach viel Weingenuß im Zorn –, muß sie sich völlig vor ihm verschließen. Eine Versöhnung wäre dann noch möglich, wenn er die innere Größe hätte, sich nicht über die Natur zu stellen, sondern wenigstens zu versuchen, ihrem Maßstab zu folgen. Daß dies nicht dauerhaft möglich ist – da die Rollen von Natur und Mensch letztlich nicht austauschbar sind –, zeigt die Geschichte.

Goethe hatte bekanntlich seit seinen jungen Jahren eine tiefe Beziehung zur Natur, die sich im Alter noch verstärkte. Zu Eckermann sagt er 1829: „… aber die Natur versteht gar keinen Spaß, sie ist immer wahr, immer ernst, immer strenge, sie hat immer recht, und die Fehler und Irrtümer sind immer des Menschen. Den Unzulänglichen verschmäht sie, und nur dem Zugänglichen, Wahren und Reinen ergibt sie sich und offenbart ihm ihre Geheimnisse.“