Verwirrung der Gefühle
Ausgehend von der berühmten Novelle Stefan Zweigs macht sich Dr. Christian Baur Gedanken zum Thema Homosexualität.
Autor: Dr. Christian Baur
Der Schriftsteller Stefan Zweig lebte vom 28. 11. 1881 bis 23. 2. 1942. Die Porträtaufnahme entstand um 1925 und wurde später koloriert.
In den umwälzenden 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wendet sich Stefan Zweig in seiner berühmten Novelle, die er „Verwirrung der Gefühle“ nennt, dem Phänomen Homosexualität zu. Er beschreibt einen Universitätsprofessor, der den Genius Shakespeare vor seinen Studenten so leidenschaftlich-packend zu analysieren und zu beschreiben weiß, daß er jeden zutiefst anrührt. Doch ist es wirklich fachliche Begeisterung, die der Professor gegenüber seinen jungen Zuhörern zeigt?
Der Ich-Erzähler in Zweigs Novelle erinnert sich an seine studentische Jugend und schildert, wie magisch dieser Hochschullehrer ihn anzuziehen vermochte. Doch muß er bald entdecken, daß dieser Mann von irgendeinem Geheimnis umgeben ist: „… immer brennender wards mir bewußt, Geheimnis hauste fremd und unheimlich in seiner magisch anziehenden Tiefe.“
Er nimmt die Gespaltenheit der Persönlichkeit des Professors wahr, dessen Fähigkeit zum mitreißend-ekstatischen Vortrag ebenso, wie sein zeitweise völliges Zusammenfallen: „Der hier mit leisem, schleppendem Schritt eintrat, war ein alter, müder Mann. Als sei eine leuchtende Mattscheibe von seinem Antlitz weggenommen, so merkte ich jetzt von der ersten Bankreihe seine fast kränklich matten Züge von scharfen Runzeln und breiten Schrunden durchackert; blaue Schatten höhlten Rinnsale querhin in das schlaffe Grau der Wangen. Über die Augen schatteten dem Lesenden zu schwere Lider, auch der Mund mit den zu blassen, zu schmalen Lippen gab dem Wort kein Metall: wo war seine Heiterkeit, der sich selbst aufjubelnde Überschwang?“
Der Erzähler findet auch heraus, daß der verehrte Hochschullehrer kaum Nennenswertes publiziert hat – ein großes Manko an der Universität! Wie reimt sich das alles zusammen? Doch dann ist er wieder von der Ausstrahlung und Autorität des Professors so hingerissen, daß er alles Nachteilige übersieht und sich ganz in den Dienst des ungewöhnlichen Lehrers stellen will. Er erklärt sich sogar bereit, dazu beizutragen, das große, unpublizierte Werk über das Shakespeare-Theater ins Leben zu rufen und läßt sich von seinem Professor jeden Abend Zeile für Zeile, Kapitel für Kapitel diktieren.
Der Mann, „dem Schönheit der Formen ureingeboren und atemhaft notwendig war … mußte den letzten Erniedrigungen der Erde begegnen“
Erst über des Lehrers Frau, eine sportliche, durch „knabenhaft schmale Formen“ geprägte Erscheinung, erahnt er nach und nach das Geheimnis des für ihn so rätselhaften Mannes, der zeitenweise seine Vorlesung unangekündigt unterbricht, einige Tage lang verschwunden ist und dann wieder an der Universität auftaucht. Doch erst das Geständnis des Mannes selbst bringt Licht ins Dunkel. Er beichtet dem Ich-Erzähler, dem jungen Studenten also, in den er sich heillos verliebt hat, seine homosexuellen Neigungen: Bereits in der Schule erfährt der „Verwirrte“ Feme und Erniedrigung: „Täglicher Kreuzgang wird der Weg zur Schule, und die Nächte von Selbstekel dem früh Gezeichneten verstört: als Wahnwitz und entehrendes Laster empfindet der Ausgestoßene sein abwegiges und doch vorerst nur in Träumen verdeutlichtes Gelüst.“ Erst als er Student in Berlin ist, „gewährt ihm die untergründige Stadt Erfüllung der langbeherrschten Neigung, aber wie beschmutzt sind sie von Ekel, wie vergiftet von Angst …“
Es folgt die Universitätskarriere und die Begegnung mit dem knabenhaften Mädchen, das seine Frau wird. Er hofft, durch diese Verbindung Ruhe zu bekommen. Doch der Halt, den er in der Ehe findet, ist trügerisch. Bald bricht die alte Neigung wieder auf. Angestachelt wird seine erneute Qual durch die Begegnung mit der studentischen Jugend, die er zu begeistern vermag, die er jedoch – was seine Neigung anlangt – meiden muß! Und so kann er sich nicht anders helfen, als einige Tage aus der Provinzstadt, in der er lehrt, nach Berlin zu fliehen, um dort in der Anonymität Befriedigung zu finden. Und der Mann, „dem Schönheit der Formen ureingeboren und atemhaft notwendig war“, dieser lautere Meister aller Gefühle, „er mußte den letzten Erniedrigungen der Erde begegnen in jenen rauchigen, verschwelten Kaschemmen, die nur Eingeweihte einlassen: er kannte die frechen Forderungen geschminkter Promenadejungen, die süßliche Vertraulichkeit parfümierter Friseurgehilfen, das erregte Kichern der Transvestiten aus ihren Weiberröcken, die rabiate Geldgier vazierender Schauspieler, die plumpe Zärtlichkeit tabakkauender Matrosen – alle diese verkrümmten, verängstigten, verkehrten und phantastischen Formen, in denen das fehlwandernde Geschlecht sich am untersten Rande der Städte sucht und erkennt.“
In den siebenundsiebzig Jahren, seit Zweig seine zutiefst mitfühlende Darstellung des Problems der Homosexualität niederschrieb, hat sich viel verändert. Einige Politiker bekennen sich öffentlich zu ihrer Neigung, und verschiedene Staaten bemühen sich darum, lesbische und homosexuelle Beziehungen anzuerkennen, ja, sie als ehegleich zu bezeichnen und ihnen die entsprechenden Rechte zu verleihen. Doch läßt sich damit die im Volk verhaftete Ablehnung aus der Welt schaffen? Und sind damit die homoerotischen Tendenzen in den betroffenen Menschen selbst so zum Ausgleich gelangt, daß sie nicht mehr als „Verwirrung“ gefühlt werden?
Dies wäre m. E. nur dann vorstellbar, wenn sich die Homosexualität auf eine mehr oder weniger zufällige Laune der Natur zurückführen ließe, also gänzlich ohne schuldhafte menschliche Mitwirkung zustande käme. Davon geht man heute auch allgemein aus – aber ist es wirklich so?
Homosexualität – naturbedingt?
Platon überliefert in seinem „Symposion“ die Auffassung, es habe ursprünglich drei Geschlechter gegeben, das männliche, das weibliche und das mannweibliche. Alle drei hätten für sich als Ganzheiten bestanden und seien wegen des menschlichen Übermuts durch Zeus dann in jeweils zwei Hälften zerschnitten worden, die sich dann wieder zu vereinigen suchen. Dies gälte aber nicht nur für das mannweibliche Geschlecht, aus dessen Vereinigungsstreben die normalen Mann-Frau-Beziehungen resultieren, sondern ebenso für das männliche und weibliche. Das heißt: der Schnitt durch die „Ganzheit Mann“ und der durch die „Ganzheit Frau“ ruft zwangsläufig die homosexuellen und lesbischen Neigungen hervor.
Demnach sind alle erotischen Tendenzen naturbedingt.
Das Christentum sieht dies ganz anders, denn seit Paulus die „Knabenschänder“ (1. Kor. 6, 9) und die Homosexualität geißelte (Röm. 1, 27: „… und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten, und haben Mann mit Mann Schande getrieben …“), hat sich die Auffassung der Antike in ihr Gegenteil verkehrt. Trotzdem konnte durch die christliche Theologie die Frage, warum eine Schuld entsteht, wenn Menschen homosexuelle Neigungen fühlen, nie schlüssig erklärt werden.
Nicht mehr zwangsläufig als Laune der Natur erscheint die „Verwirrung der Gefühle“ allerdings, wenn wir davon ausgehen, daß wir Menschen nicht nur ein, sondern mehrere Erdenleben durchwandern. Dann könnte man die uns angeborenen Neigungen als das Ergebnis früherer Entwicklungen, also eigener Willensentschlüsse verstehen. So, wie es wahrscheinlich ist, daß sich bestimmte Fähigkeiten – zum Beispiel hohe Musikalität, technische Begabung oder reife Menschlichkeit – nicht innerhalb einer Existenz entfalten, sondern erst nach einigen Inkarnationen, werden sich auch ausgeprägte Weiblichkeit, Männlichkeit oder deren unscharfe Vermischung nicht von heute auf morgen herausbilden.
Eine bindende „Urentscheidung“
Aber weshalb kann es zu „Spannungen“ zwischen der Seele und dem Körper kommen? Weshalb fühlen sich Menschen zum gleichen Geschlecht manchmal so stark hingezogen, daß der brennende Wunsch in ihnen entsteht, dem anderen Geschlecht anzugehören? (1) Diese Disharmonie zwischen Körper und Seele wird nur verständlich, wenn man eine bindende „Urentscheidung“ voraussetzt, bei der sich jeder Mensch bereits für ein bestimmtes Geschlecht entschieden hat, durch die er seelisch-geistig geprägt ist, während sich danach jedoch Neigungen entwickeln können, die zur Inkarnation in einen andersgeschlechtlichen Körper führen.
Nach den Ausführungen der „Gralsbotschaft“ von Abd-ru-shin verhält es sich so! Demnach tendiert der Geistkeim bereits in einer frühen Entwicklungsstufe, in einem noch unbewußten Stadium, zu einem bestimmten Geschlecht, wodurch eine Festlegung als Frau oder Mann erfolgt, die der Geist später nicht mehr ändern kann. Denn das Geschlecht hat zunächst überhaupt nichts mit einer sexuellen Betätigung zu tun – die es nur in Fleisch und Blut gibt –, sondern allein mit der Art des Wirkens, sei diese nun mehr aktiv formend und gestaltend oder passiv empfangend, erhaltend sowie schöpferische Kräfte vermittelnd. Diese im Geistigen verankerten Arten sollen sich im Laufe vieler Inkarnationen stärken und entwickeln. (2)
Doch seit der Mensch sich von der Erfüllung des göttlichen Willens lossagte – ein umfassendes, folgenschweres Geschehen, das mit dem Begriff „Sündenfall“ beschrieben wird –, verwirrte sich in der stofflichen Welt auch die Trennung der Arten des Weiblichen und Männlichen. Nun konnte es geschehen, daß eine männlichen „Idealen“ zustrebende Frauenseele in einen männlichen Körper oder eine sich zu passiv verhaltende Männerseele als Frau inkarniert wurden. Ganz abgesehen davon, daß dadurch schon viele Menschen ein unglückliches Leben führen mußten, begann sich auch das Sexualleben zu verwirren. Denn es verbanden und verbinden sich nicht nur die Seelen, die beide in „falschen Körpern“ wohnen, sondern zum Beispiel auch eine Frauenseele in einem männlichen Leib mit einem „echten“ Mann oder mit einer Männerseele, die schon dazu tendiert, im nächsten Leben als Frau zu inkarnieren. Der Möglichkeiten gibt es viele. Doch vor dem Hintergrund des Wissens um die an ein bestimmtes Geschlecht bindende „Urentscheidung“ jedes Menschen muß man darin eine Fehlentwicklung erkennen, einen Umweg, von dem der betroffene Mensch wieder umkehren muß.
Wenn eine Menschenseele, von ihrer Art abweichend, in einen Körper inkarniert, der ihr nicht wirklich entspricht, bietet ihr das damit verbundene Leid die Möglichkeit, sich in harmonische Verhältnisse zurückzusehnen. Die Einheit von Seele (Geist) und Körper kann sich dann in der nächsten Inkarnation wieder einstellen.
Insofern sind die Errungenschaften der jüngsten Zeit, alle „Vorurteile“ früherer Generationen abzulegen, zwiespältig zu beurteilen. Denn es geht nicht nur darum, einfach alles zuzulassen. Eigentlich sollte unser Ziel doch sein, die „Verwirrung der Gefühle“ zu überwinden. Doch wie soll das gelingen, solange das Bewußtsein einer Verwirrung gar nicht mehr vorhanden ist?
Die Leidenschaftlichkeit, mit der Stefan Zweig die Bedrückungen und Verängstigungen des „fehlwandernden Geschlechts“ einst sah – sie ist ja auch ein vorsichtiges Bekenntnis des Dichters dazu –, mag aus dem Abstand der Zeit übersteigert erscheinen. Und doch muß wahrgenommen werden, daß Zweigs Darstellung nicht nur eine Anklage gegen eine Gesellschaft bedeutet, die eine Minderheit diskriminiert, sondern gleichwohl auch eine innere Bedrückung der betroffenen Menschen widerspiegelt, einen seelischen Konflikt beschreibt, der heute nur scheinbar überwunden ist.
Diese seelischen Spannungen sind nicht wirklich beseitigt. Sie schwelen fort und können nur gelöst werden, wenn das Richtige, Natürliche bekannt ist und darüber hinaus eine Bereitschaft besteht, das verdeckte innere Leiden zuzulassen und nicht zu tabuisieren. So ist es ja mit allen Erscheinungen unseres Lebens: Nur, wenn wir die Bedrückungen, die uns heimsuchen, als uns momentan zugehörig betrachten, können wir sie, indem wir dem Idealen zustreben, nach und nach auflösen. Warum diese Bedrückungen zeitweilig Teil unseres Ichs sein müssen, läßt sich erst später erahnen, im Rückblick auf einen bereits erfüllten Lebensabschnitt.
Anmerkungen:
1 Die vorliegende Abhandlung möchte in erster Linie allgemein auf den Zusammenhang zwischen den eigenen Willensentscheidungen des Menschen und Problemen in seiner sexuellen Orientierung aufmerksam machen. Sie verzichtet dabei auf eine Unterscheidung zwischen Homosexualität und Transsexualität, die bei einer Vertiefung dieses Themas natürlich unumgänglich nötig wäre, da es sich bei Homosexualität durchaus nicht immer darum handeln muß, daß sich eine Seele im „falschen Körper“ befindet.
2 Vgl. dazu auch den Beitrag „Geschlecht – was, bitte, ist das?“ in dem Themenheft 14 Literatur:
Stefan Zweig: Verwirrung der Gefühle, S. Fischer, 1984