@ Kunst & Kultur

Kampf mit Schicksal und Tod

… am Beispiel des Romans „Die Pest“ von Albert Camus
Autor: Dr. Christian Baur
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Der Schriftsteller Albert Camus (1913–1960, Bild links) beschreibt in seinem Roman „Die Pest“ die nordafrikanische Stadt Oran unter der Geisel einer viele Jahre währenden Pestepidemie. Die Menschen der unter Quarantäne gestellten Stadt sind von der Außenwelt isoliert und sich mehr oder weniger selbst überlassen:

„Der Erzähler weiß genau, wie bedauerlich es in dieser Beziehung ist, daß er hier von nichts wirklich Großartigem erzählen kann, von irgendeinem tröstlichen Helden zum Beispiel oder einer glänzenden Tat, wie sie in den alten Berichten stehen. Denn nichts ist weniger augenfällig als eine Seuche, und die großen Schicksalsschläge sind schon ihrer Dauer wegen eintönig. In der Erinnerung erscheinen die fürchterlichen Tage der Pest denen, die sie erlebten, nicht als große, grausame Flammen, sondern viel eher als eine endlose Tretmühle, die alles zermalmte.“
Ein Arzt im Kampf gegen den Tod Camus stuft die Schicksalsschläge als blind ein und verweigert ihnen jedes übergeordnete Verständnis. Trotz der distanzierten Bemerkung, er könne von keinem Helden berichten, ist das Gegenteil wahr: Er schildert den Arzt Dr. Rieux, der in seinem Engagement für jedes Menschenleben weit mehr als seine Pflicht tut, der im Kampf gegen die Macht des Todes, ja gegen einen Gott, an den er nicht glaubt, eine beispielhafte Selbstlosigkeit beweist. Der Arzt sagt über sich selbst: „Wenn er an einen allmächtigen Gott glaubte, so würde er aufhören, die Menschen zu heilen und diese Sorge ihm überlassen. Aber kein Mensch auf der ganzen Welt, nein, nicht einmal (Pater) Paneloux, glaube an einen solchen Gott, obwohl er daran zu glauben glaube, denn es gebe sich ihm ja niemand völlig hin, und er, Rieux, glaube, wenigstens in dieser Beziehung auf dem Weg zur Wahrheit zu sein, indem er gegen die Schöpfung, so wie sie sei, ankämpfe.“

Und weiter: „… aber da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es vielleicht besser für Gott, wenn man nicht an ihn glaubt und dafür mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu dem Himmel zu erheben, wo er schweigt.“

In dieser hoch moralisch motivierten Selbstbestimmung fordert Rieux als Kämpfer für das Leben den Tod, das Schicksal, die Weltordnung und Gott heraus. So trotzig das klingt, scheint sich doch dahinter der Glaube zu verbergen, daß nicht nur der unsichtbare Tod, dem man auf Schritt und Tritt begegnet, gegenwärtig ist, sondern auch gerade die höheren Mächte, die hier verneint werden.

Die Weltordnung und das darin waltende Schicksal – wer es auch immer eingesetzt haben mag – wird es wohl geben, doch nach der Auffassung von Albert Camus sind sie höchst fehlerhaft, solange der Tod darin diese mächtige Rolle spielt und sogar unschuldige Kinder heimsucht.
Der Tod eines Kindes
Die Pest – als Krankheit lange Zeit ein Schrecken der Menschheit
Am Tod der Kinder zerbricht auch Pater Paneloux’ Glaube, der die Pest zunächst apokalyptisch – als gerechte Strafe Gottes – deutet, um später das Folgende zu bekennen: „Denn während es gerecht ist, daß der Wüstling (Don Juan) niedergeschmettert wird, versteht man das Leiden des Kindes nicht. Und es gab in Wahrheit nichts Wichtigeres auf Erden als das Leiden eines Kindes und das Grauen, das dieses Leiden mit sich bringt, und die Gründe, die man dafür finden muß.“

Über das Sterben eines Kindes berichtet Camus in schonungsloser Weise. Seine Schilderung muß hier wiedergegeben werden, da sie wesentlichen Aufschluß über seine Auffassung bietet: „Da die Seuche seit Monaten wütete und ihre Opfer nicht auswählte, hatten sie schon viele Kinder sterben sehen, aber noch nie Minute auf Minute ihr Leiden verfolgt, wie sie es jetzt seit dem Morgen taten. Und nie war ihnen der Schmerz, den diese Unschuldigen erdulden mußten, als etwas anderes erschienen, als was er in Wahrheit war, nämlich eine empörende Schmach. Aber bisher hatten sie sich gewissermaßen abstrakt empört, weil sie noch nie so lange dem Todeskampf eines Unschuldigen unmittelbar zugeschaut hatten.

Eben zog sich das Kind mit einem Stöhnen wieder zusammen, als wäre es in den Magen gebissen worden. Während langer Sekunden blieb es gekrümmt, von Schauern und krampfartigem Zittern geschüttelt, als würde sein zarter Leib von dem wütenden Pestwind geknickt und unter dem feurigen Atem des Fiebers zerbrochen. Wenn der Sturm vorüber war, entspannte es sich ein wenig, das Fieber schien sich zurückzuziehen und es schwer atmend auf einem feuchten und vergifteten Ufer liegen zu lassen, wo die Ruhe schon dem Tode glich. Als die glühende Flut das Kind zum drittenmal erreichte und es ein wenig emporhob, kauerte es sich zusammen, kroch voll Entsetzen vor der sengenden Flamme tiefer ins Bett, bewegte den Kopf wie irrsinnig und warf die Decke von sich. Dicke Tränen drangen unter den entzündeten Lidern hervor und rollten über das bleifarbene Gesicht; als der Anfall vorüber war, nahm das erschöpfte Kind mit seinen verkrampften, knochigen Armen und Beinen, die in 48 Stunden völlig abgemagert waren, im zerwühlten Bett die groteske Stellung eines Gekreuzigten ein.“

Läßt Gott demnach die Kinder der Menschen ebenso kreuzigen wie seinen eigenen Sohn?

Benützen selbst die, die Christus und Gottvater leugnen, den angeblichen Erlösertod am Kreuz als das Sinnbild schreiendster Ungerechtigkeit gegen die Unschuldigen? Natürlich, wenn Gott seinen eigenen unschuldigen Sohn für die Schuld anderer zu opfern bereit ist, warum sollte er nicht auch unschuldige Kinder opfern wollen?!

Es sind verhängnisvolle Denktraditionen, die sich hier in den zornigen Gedanken eines dem Christentum nur knapp entronnenen Atheisten offenbaren. Hat Gottvater wirklich seinen Sohn geopfert oder waren es doch die Menschen, die Jesus ganz einfach als lästigen Verkünder der Wahrheit umgebracht haben?

Selbst einer der schärfsten Kritiker der Christen, der Pastorensohn Friedrich Nietzsche, sagte: „… das Opfer des Unschuldigen für die Schuldigen! Welches schauderhafte Heidentum!“ (aus: „Der Antichrist“)

Doch was hat es mit dem Tod der unschuldigen Kinder auf sich, den Camus anklagend gegen das blinde Schicksal und einen „schweigenden Gott“ ausspielt? Ist wirklich alles so unverständlich?

Camus kann und will dies nicht verstehen: Sein Dr. Rieux trotzt der nicht begreifbaren Weltordnung, indem er sich einem „Tatchristentum“ ohne Christus und Gott verschreibt. Völlig selbstlos und selbstverständlich – zugleich ohne Furcht – kämpft er gegen den Tod und für das Leben, in dem er zwar keinen höheren Sinn sehen kann, das er aber liebt und verteidigt. Dieses bedingungslose Tun wirkt so ansteckend, daß selbst der Journalist Rambert, der eigentlich aus der eingeschlossenen Stadt fliehen will, um sich mit seiner Freundin in Paris wieder zu treffen, sich nun dem freiwilligen Sanitätsdienst verschreibt. Auch der ebenso fromme wie intellektuelle Pater kann sich dem nicht entziehen, auch er wählt die aktive Hilfe und läßt seine gutgemeinten Sonntagspredigten sein. Das Tatchristentum siegt.

Doch, noch einmal, kann es ein Verständnis für den Tod der unschuldigen Kinder geben?

Man muß Camus verlassen, um zu einem Ansatz des Verstehens gelangen zu können.

Wer je, wie der Autor dieses Beitrages selbst, ein vom Unfalltod heimgesuchtes Kind erlebt hat, weiß, daß es auch bei Kindern ganz unterschiedliche Todeserfahrungen gibt. Die Schilderung von Albert Camus mag zutreffend sein, doch sie verdrängt jede gegenteilige Erfahrung, und zwar die des „Engelslächelns“, das ein gestorbenes Kind haben kann. Dieses Lächeln weist darauf hin, daß das betroffene Kind den Tod ganz anders erlebt hat oder erlebt als der Erwachsene, dem das Kind entrissen wurde. Mit anderen Worten, es gibt noch andere Wirklichkeiten als die der irdischen Sichtbarkeit und ihrer Deutung durch den modernen Existentialismus.

Dies wird auch in einem Bericht über die schreckliche Geiselnahme in dem kaukasischen Ort Beslan vom letzten Jahr deutlich. Eine Mutter berichtet über ihren Sohn, der in ihren Armen stirbt: „‚Lebst du noch, Alschik, mein Liebling?‘ habe ich gefragt. Er hat ja noch geatmet. In seiner Brust war ein großes, häßliches Loch. ‚Ich lebe noch, Mama‘, hat er mir geantwortet, ,aber gleich sterbe ich.‘ Und dann ist er gestorben. Ganz still. Er hat mir dabei in die Augen gesehen.“

Und später ergänzt sie: „Alschik ist auch im Traum nicht wieder zu mir gekommen. Die anderen erzählen, daß sie von den Kindern träumen. Die Kinder kommen und sagen, man solle sie endlich loslassen, es ginge ihnen gut, wo sie jetzt sind.“

Ist die Weltordnung doch anders eingerichtet, als dies ein Camus glauben kann? Wenn es denen, die ohne eigenes Verschulden sterben müssen, dort, wo sie nach ihrem Leiden hingelangen, gut geht, handelt es sich eben nicht um eine beschämende Ungerechtigkeit!

Doch wer weiß dies so genau, ob es sich wirklich so verhält und nicht doch ein gutgemeinter Trost ist? Was können wir davon wissen?
Wo sich wahres Menschentum regt Was ist denn Wissen überhaupt? Läßt sich etwa durch menschliches Wissen eine moralische Position aufbauen, wie Dr. Rieux sie lebte? Die auch dann siegt, wenn der Tod vor der Türe steht? Auf keinen Fall! Es ist undenkbar, daß ein Mensch ganz unvorbereitet und frei von Angst sein Leben täglich neu für andere einsetzt.

Man muß sich einmal klarmachen, was dazu gehört, eine moralische Haltung nicht nur zu wollen, sondern ständig zu bewähren, im Tun zu bestätigen. Ein solches Wollen beginnt nicht im Kopf, sondern im Herzen. Es macht dann überhaupt nichts, wenn die Gedanken eine Deutung des Tuns versuchen, die im Grunde nicht ganz damit in Einklang stehen, sondern – wie etwa bei Camus – als bloß zeitgebundene Reflexe auf abendländisch-christliche Denktraditionen zu verstehen sind.

Dieses innere moralische Wollen kann jedoch nicht in einer einzigen Stunde der Not geboren oder im Leben schnell entwickelt werden. Ein Held wie Dr. Rieux fällt genausowenig vom Himmel wie ein Genie der Wissenschaft oder Kunst! Seine Kraft muß sich in einem langen Entwicklungsgang aufbauen, immer wieder herausgefordert durch das Schicksal!

Was ist das Schicksal? Es sind die Früchte unseres Wollens, Denkens und Tuns, deren Saat weit zurückreichen kann. Je nachdem können es angenehme oder bittere Früchte sein, die wir in einem vom göttlichen Willen uns zugedachten Rhythmus entgegenzunehmen haben, um in unserem Reifungsprozeß voranzukommen.

Es liegt nun an jedem Menschen selbst, wie er dem eigenen Schicksal, das er oft als fremd und ungerecht empfindet – vor allem, wenn es Leid und Schmerz mit sich bringt –, gegenübersteht und wie er es verarbeitet.

Eine moralische Kraft und Sicherheit – wie Dr. Rieux – kann er wohl nur dann aufbauen, wenn er schon oft Gefahren oder Schicksalsschläge bestehen konnte und dabei immer wieder erlebte, daß ihm unerwartete Hilfe zuteil wurde. Solche Erlebnisse müssen nichts mit einem bestimmten Glauben zu tun haben. Sie entsprechen ganz realen Erfahrungen, daß der Hilfe erhält, der sich vertrauend vorwärts bewegt und nicht nur auf sich selbst achtet, sondern ebenso um den Nächsten besorgt ist. Diese Erfahrungen können zur inneren Gewißheit und einer Quelle seelischer Kraft werden.

Wer, so gerüstet, eine neue Inkarnation eingeht, wird zunächst den Glauben annehmen, in dem er aufgewachsen ist. Er kann diesen Glauben dann, in der Pubertät beginnend, kritisch hinterfragen, denn die innere Kraft, die er bald gewahrt, bringt einen starken Freiheitsdrang mit sich. Doch entscheidend für sein weiteres Leben ist nicht ein bestimmter Glaube, sondern die Frage, ob er sich selbst treu zu bleiben vermag.

Ausnahmesituationen, wie sie Camus in „der Pest“ beschreibt, erleichtern es dem Menschen, die Treue zu sich selbst zu bestätigen, denn unter solchem Druck fallen alle irdischen Zerstreuungen und Ablenkungen als unwesentlich ab. Andere, die sich dem Schicksal nicht stellen wollen, mit Trotz und Zorn reagieren oder sich haßerfüllt gegen scheinbar schwächere Mitmenschen wenden, schaden letztlich nicht nur der menschlichen Gesellschaft, sondern ebenso sich selbst.

Jetzt, da diese Welt von nie dagewesenen Naturkatastrophen und Kriegen – ohne Sieger und Besiegte – heimgesucht wird, können wir erleben, wo sich inmitten der Not wahres Menschentum regt.