Sparen oder weitere Schulden machen?
Unpolitische Anmerkungen zum G20-Gipfel in Toronto
Begleitet von Protesten der Globalisierungsgegner, Umweltschützer, Gewerkschafter und Frauengruppen haben die wichtigsten Volkswirtschaften (G20) der Erde darüber beraten, ob die einzelnen Staaten künftig zur Konsolidierung ihrer Haushalte einen Sparkurs – wie etwa Deutschland – verfolgen oder zugunsten eines Wirtschaftswachstums eine weitere Verschuldung in Kauf nehmen sollten. Des weiteren wurde seitens der EU versucht, weltweit schärfere Regeln für die Finanzbranche und Spekulationsgeschäfte durchzusetzen. Welche Folgerungen kann der einzelne Bürger aus dieser teuren Großveranstaltung ziehen und: muß er sich nicht auch selbst fragen, wie er sich künftig verhalten sollte?
Ein Beitrag von Dr. Christian Baur.
Autor: Dr. Christian Baur
Keine Regulierung der Spekulationsgeschäfte
Die dürren Ergebnisse des Gipfeltreffens – keine Regulierung der weltweiten Finanzgeschäfte und „wachstumsfreundlicher Defizitabbau“ bis 2013 – kann man unter der Überschrift zusammenfassen: „Die Wirtschaftselite besiegt die Politik“. (1) Christian Felber, der Mitbegründer der globalisierungskritischen Vereinigung Attac, äußert seine Meinung über den weiterhin freien Kapitalverkehr so: Er habe „uns finanziellen Giftmüll in dreistelliger Milliardenhöhe nach Europa gebracht“. Felber tritt demzufolge vehement für eine Regulierung ein, wobei er bei der Trägheit und Vernetztheit der Verhältnisse voraussagt: „Der nächste Finanzschock kommt gewiß.“ (2)
Doch wer kann eine Regulierung umsetzen, und wer kann die Gier der Finanzhaie wirklich einbremsen? Wer kann es wiederum den Ländern verargen, die weder in den Genuß riesiger Spekulationsgeschäfte gekommen sind noch ihr Scheitern hautnah erlebt haben – wie etwa Indien, Brasilien, Argentinien und Australien –, wenn sie ihren Banken freien Lauf lassen wollen?
Was kann der einzelne tun – soll er sparen oder Schulden machen?
Welche Gedanken drängen sich dem einfachen Bürger auf, wenn er sich mit diesem Szenario beschäftigt? Kann er etwa in den Vorkehrungen, die die Regierungen des einen oder anderen Staates treffen, ein Vorbild für sein eigenes Verhalten sehen?
Früher war es üblich, nur dann etwas zu kaufen, wenn das Geld dafür angespart war. Dies hat sich gründlich geändert. In Raten kann inzwischen fast jeder fast alles erwerben, auch das sogenannte Eigenheim, das früheren Generationen – schon von der Idee her – verschlossen blieb. Man will sich ein Heim zu eigen machen, das zunächst zu großen Anteilen der Bank gehört.
Getrost geht man Verpflichtungen über 30 oder mehr Jahre ein. Und das funktioniert schon eine Zeitlang hervorragend. Niemand rechnete ernstlich mit Krankheit, Arbeitslosigkeit oder gar Scheidung, und dies war zunächst auch durchaus berechtigt. Doch die unvorher¬gesehenen Störfälle sind inzwischen an der Tagesordnung. Ein Aspekt der in den USA ausgelösten Immobilienkrise liegt auch hier, also im Bereich der geänderten privaten Verhältnisse, nicht allein bei den leichtsinnigen und profitgierigen Immobilienberatern.
Die persönliche Vertrauenskrise vieler Menschen und ihre Auswirkung auf den Staat
Wenn man sich heute scheut, eine Ehe einzugehen oder sich Kinder zu wünschen, so steht dahinter eine tiefe Vertrauenskrise, die sowohl das eigene Ich als auch das des Partners betrifft. Weil man sich selbst und dem anderen nicht mehr wirklich traut, will man sich frei von Verpflichtungen halten, möchte sich aber von den Genüssen des Lebens nichts entgehen lassen. So ist man eher dazu bereit, sich mit Krediten zu belasten als mit seelisch-geistiger Verantwortung. Denn: Was scheren mich schließlich Kredite, wenn es eng wird, gibt es nicht mittlerweile Privatkonkurse? Welche Schmerzen hingegen – und materielle Sorgen – erwarten mich, wenn eine Trennung vom Ehepartner ansteht?!
Diese hier sehr grob skizzierte Entwicklung hält noch immer an. Das bei der Mehrheit der Bürger dahinterstehende einseitige Konsumverhalten – es bleibt den notwendigen Ausgleich durch die Übernahme von Verantwortung zu großen Teilen schuldig – hat für die gesamte Gesellschaft und den Staat unübersehbare Folgen: Der Staat kann jetzt, nachdem das vielgerühmte Wachstum grundlegend gestört ist, nur den Mangel verwalten und muß – jenseits aller Parteien (!) – von einem nur teilweise lösbaren Problem ins nächste fallen!
Trotz allem werden die Regierungen immer noch überschätzt, was die Möglichkeiten ihres Handelns anlangt. Doch in Wahrheit sind sie nur Spiegel der Menschen und ihrer Wünsche und ganz gleich, welche unpopulären Sparbeschlüsse sie fassen, werden sie ihre Entscheidungen doch immer nur im vielfältigen Netz des mehrheitlichen Wollens fällen können. Dieses Netz ist begreiflicherweise weltweit noch komplexer, noch undurch-dringlicher als das einzelner Nationen, umfaßt es doch menschliches Streben und Wünschen, das einem höchst unterschiedlichen Bewußtsein entspringt.
Ausblick
So betrachtet kann das Denken und Handeln der Staaten für den einzelnen keinesfalls verbindlich oder gar vorbildlich sein. Der Mensch sollte die globalen Entwicklungen zwar wachsam registrieren, aber sich im übrigen auf sich selbst konzentrieren. Es gilt, ausschließlich das in Erfahrung zu bringen, was für mich selbst und meinen Nächsten wichtig ist! Wer sich damit begnügt, sich hier materiell einzurichten, kommt nicht weiter. Wenn sich eigene Krisen melden, tragen sie die Chance in sich, über den rein irdischen Tellerrand hinauszusehen. Nur wer schließlich nach seinen seelisch-geistigen Ursprüngen zu fragen beginnt, kann Werte finden, die zur wahren Orientierung dienen und die den Stürmen dieser Zeit standhalten können. Dazu fordert Abd-ru-shin in der Gralsbotschaft den Leser auf:
„Nun wird es Zeit, daß Schleier fallen und er klar sieht, woher er kam, was seine Aufgabe für Pflichten auferlegt, und auch wohin er wieder gehen muß.“ (3)
Dieser zitierte Satz deutet auch an, daß es nicht nur die Verheißung gibt, irgendwann „woanders hinzugehen“ – das heißt, diese materielle Welt zu verlassen –, es gibt sogar die Verpflichtung dazu, weiterzuwandern. Auf dieser Wanderung ist die Frage nach Sparen oder Schuldenmachen nicht mehr aktuell, denn es wird sich ein ständiges geistiges Geben und Nehmen ereignen, ein Ausgleich der Energien, der auch für das irdische Leben selbstverständlich sein sollte.
Literatur:
(1) Siehe: Karin Zauner, Die Wirtschaftselite besiegt die Politik. In: Salzburger Nachrichten vom 28.06.10
(2) Siehe: Christian Felber im Interview mit Karin Zauner. Siehe (1)
(3) Siehe: Abd-ru-shin, Im Lichte der Wahrheit, Gralsbotschaft, Bd. II, Stuttgart 1990