Der 30. Januar 1933: Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler
Das Tausendjährige Reich und das Tier aus dem Abgrund.
Ein Beitrag von Dr. Christian Baur
Autor: Dr. Christian Baur

Die Machtergreifung
Bei dem Begriff Machtergreifung sind sich die Historiker nicht einig: Da die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler durch Hindenburg legal gewesen ist, müsse von Machtübergabe oder Machtübertragung1 gesprochen werden, der propagandistische Begriff Machtergreifung sei daher zu vermeiden.
Man kann nur sagen: Diese Differenzierung trägt nicht dazu bei, das Phänomen dieses 30. Januar 1933 – zweieinhalb Monate, nachdem die NSDAP im Anschluß an den Höhenflug im Sommer 1932 wieder zwei Millionen Stimmen verloren hatte – zu begreifen. Es ist durch historische Forschungen allein überhaupt nicht zu erhellen.
Die Judenvernichtung
Dies trifft in ähnlicher Weise auch auf die furchtbare Tatsache der Judenvernichtung zu. Raul Hilberg, der das Standardwerk zur Geschichte des Holocausts „The Destruction of the European Jews“ („Die Vernichtung der europäischen Juden“) schrieb, wurde interviewt: „Herr Hilberg, wenn eine 20jährige Deutsche fragt, warum die Juden umgebracht wurden: Was antworten Sie ihr?“
Raul Hilberg: „Auf ein Warum kann ich nicht antworten, weil ich lebenslang nur erforschte, was geschah. Ich wollte wissen, wie etwas zustande kam: In welcher Reihenfolge Maßnahmen getroffen wurden, wer daran litt und umkam. Das war die Hauptsache: die Erhellung des Geschehens.“2
Nun ist natürlich in diesem Fall das rein Faktische von so erdrückendem Ausmaß, das Quantitative so monströs, daß auch die trockene wissenschaftliche Aufzählung dessen, was war, bereits eine ungeheuere Wirkung auf den einzelnen Menschen haben kann. Und doch wird die damit verbundene Erschütterung unbedingt die Frage nach dem Warum auslösen: Warum nur konnte dies alles geschehen?!
Die deutsche Art
Die westlichen Alliierten haben vor und nach dem Krieg die Frage gestellt, warum der Nationalsozialismus in Deutschland einen so großen Anklang fand. Sie versuchten dies mit der besonderen deutschen Art zu erklären. Der französische Germanist Edmond Vermeil schrieb: „In verschiedenen Stadien ihrer Geschichte haben die Deutschen mit einer verzweifelten Gewißheit, die entweder aus innerer Zerrissenheit und Schwäche oder, im Gegenteil, aus der Vorstellung unübertrefflicher und unbesiegbarer Kraft herrührte, geglaubt, sie hätten eine göttliche Mission zu erfüllen und Deutschland sei von der Vorsehung auserwählt.“3 Natürlich kennt ein Germanist die einschlägigen Passagen, zum Beispiel bei Schiller, Hölderlin oder Fichte, die auf eine solche besondere Mission hinweisen.
Das Dritte Reich, das Tausendjährige Reich und der religiöse Wahn
Der heilsgeschichtliche Begriff des Dritten Reichs stammt nicht von Hitler. Er wurde von Abt Joachim von Fiore (ca. 1135-1202) geprägt und 1923 von dem deutschen Nationalisten Arthur Moeller van den Bruck, basierend auf einer politischen Schrift Fjodor Michailowitsch Dostojewskis, für das zukünftige Deutschland in Anspruch genommen.4 Das NS-Regime benutzte den Begriff nur bis 1939.
Noch wichtiger als das Dritte Reich ist die Bezeichnung Tausendjähriges Reich, die aus der Offenbarung des Johannes stammt. Hitler zögerte zu keinem Zeitpunkt, seinen politischen Willen als religiös auszugeben. Schon vor dem Münchener Putsch vom 9.11.1923 äußerte er sich so: „Von unserer Bewegung geht die Erlösung aus, das fühlen heute schon Millionen. Das ist fast wie ein neuer religiöser Glaube geworden!“5
Dieses „fast“ deutet darauf hin, daß er durchaus um seine politische Manipulation weiß: Rücksichtslos stimuliert er die religiösen Erwartungen, setzt damit auch auf den Heilsbegriff Tausendjähriges Reich und spielt perfekt auf der Klaviatur der deutschen Psyche. Hitlers ungeheuere Wirkung auf die meisten Menschen bestätigt auch K. Luedecke.
Er war zunächst wichtiger Anhänger der Partei und Hitlers, kam jedoch später ins Konzentrationslager Oranienburg: „Die Willenskraft dieses Mannes, die Leidenschaft seiner ehrlichen Überzeugung schienen auf mich überzuströmen. Ich hatte ein Erlebnis, das sich nur mit einer religiösen Bekehrung vergleichen ließ.“6
Die Tradition der Religionen
Der mögliche Mißbrauch religiöser Gefühle – diese politisch oder fundamentalistisch umzu-münzen –, ist jeweils durch die Religionen selbst eingeleitet worden. So orientierte sich das Christentum niemals nachhaltig an der Bergpredigt, übersah vor allem den ernsten Satz Christi: „Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der ist einem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute.“7
Wie konnte aus der gewaltigen Rede Christi einerseits eine auf den Sonntag reduzierte Erlösungsreligion werden und sich andererseits die Kirche zur Inquisition bzw. Ketzerverfolgung ermächtigt sehen? Natürlich gab es auf der kirchlichen Seite niemals auch nur entfernt Erscheinungen von so furchtbarer Art, wie sie ein Hitler durch den Mißbrauch religiöser Erwartungshaltungen inszenierte. Doch was steht dahinter?
Begriffe und Inhalte aus der Offenbarung des Johannes
Die christlichen Überlieferungen vermögen dies alles zu deuten, wenn sie ernstgenommen werden. Da ist das Stichwort des Tausendjährigen Reiches. Ist es nicht selbstverständlich, daß sich der ein heilsgeschichtliches Mäntelchen umhängt, der ganz anderes vorhat? Hat sich Hitler selbst durchschauen wollen, konnten es seine Gönner und Gefolgsleute?
Hat Rauschning recht – dessen „Gespräche mit Hitler“ zwar nicht als authentisch gelten können, gleichwohl eine gültige Interpretation darstellen –, wenn er Hitlers Erscheinung mit dem ,,Ausbruch des Tieres aus dem Abgrund“8 in Verbindung bringt? Wie immer dieses Tier nach dem 13. Kapitel der Offenbarung gedeutet werden mag, es ist sicher, daß es in dem Dienst des Drachen – also Luzifers – steht, der Gott lästert und „gegen die Heiligen“ streitet.
Nun hat das Christentum bis zum späten Mittelalter eine relativ klare – wenn auch nicht zwingend zutreffende – Vorstellung vom Drachen gehabt, „der alten Schlange, welche ist der Teufel und Satan“.9 Mit Beginn der Neuzeit, vehement seit der Aufklärung, war man zunehmend geneigt, den mittelalterlichen Glauben – und damit nicht nur die mächtige Bilderwelt der Offenbarung, sondern auch eine Gestalt wie Luzifer – als überholt und nicht mehr mit dem Verstand nachvollziehbar anzusehen. Allein Goethe warf einen genialen Blick auf Mephisto und formulierte in seinem Faust: „Den Teufel spürt das Völkchen nie, und wenn er sie beim Kragen hätte ...“ Soll dies wiederum nur Dichtung sein?!